nazi-google? nein, chaplin-google.

es hat seine gründe, warum charlie chaplin in deutschland eher mit spazierstock und melone gleichgesetzt wird als mit oberlippenbärtchen und frakturschrift.
nicht gut, google.

Überleben unter Wölfinnen

„Überleben unter Wölfen“ hieß ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung von vor zwei Wochen über die Regisseurin Dorothy Arzner (1897-1979, wikipedia), über die der Autor Fritz Göttler unter anderem Folgendes schreibt:

… Etwas Jungenhaftes hatte Arzner auch im Alter noch, durch die Leichtigkeit, mit der sie die Geschlechter kreuzte, deren Merkmale gegeneinander ausspielte. Sie trug gern Krawatten und Manschettenknöpfe, Tweedjacketts und Jodhpurs, so dass sie die Beine lässig übereinander schlagen konnte. Sie war lesbisch, aber das nicht aufdringlich, nicht signalhaft, nicht provokant. Dominanz und Distinguiertheit, die Herrin auf dem Set. …

Anders gesagt: Für eine Lesbe war sie noch ganz ok, sie kam nicht mit dem Motorrad aufs Set, fuchtelte nicht mit Dildos und fraß auch keine Kinder.
Herrjeh.

pläne 2011

in new york etsy besuchen und scott matthew, ausserdem die stadt-imker und das restaurant, das seine lebensmittel per hydro-kultur auf dem eigenen dach anpflanzt. und matt finden, twinkie und steven kent jusick, die leute von vor zehn jahren, auf der williamsburg bridge die stelle finden, wo ich das erste mal in meinem leben wegen alkohol gekotzt habe, wo ich den ersten turm habe fallen sehen, vielleicht wohnt rodrigo noch in unserer wohnung? und das leo baeck institute besuchen. samira? yvonne ng?
in vermont von rik palieri songwriting erklären lassen, seine frau marianna zu bienen und ms befragen und zum grab meiner tante christel gehen.
in ottawa julie besuchen, die mir vor 14 jahren beigebracht hat, das wort „okay“ als gebeugtes adjektiv zu benutzen (beispiel: „das ist schon ein ziemlich okayer film“).
in toronto durch die neighbourhoods streichen, im green room abhängen, falls es den noch gibt, oder in der future bakery, über die bloor street west schlendern. ist paul kendal jetzt gewerkschafter? verkauft bonte minnema noch tierversicherungen in oakley? ist julie garro mehr journalistin oder burlesque-tänzerin geworden? und maggie, allison, erin, mez, denise, brian, carly, biljana, timothy_j, ginny?
in st. paul bei meiner kusine maike abhängen, mir ihren privatzoo erklären lassen.
in ohio (?) unter irgend einem vorwand joey goebel treffen und in gespräche verwickeln.
in austin die brücke besuchen, unter der die fledermäuse leben.
in oakland meine freundin amanda besuchen, die jetzt kangs heißt und sozialarbeiter ist. mit unserer band cuddle dreams on wheels‘ first baptist church ein oder zwei konzerte spielen.
meine tante/cousine heidi besuchen, vielleicht noch ihren bruder, den ich gar nicht kenne.
in san francisco abhängen, nach tipps von krill tause.
in honolulu monster und thirsty treffen, die heute auch anders heißen, an new york erinnern.
dann nach vietnam.

spirou ♥ fantasio?

ein wochenende zeit, comic-edition der sz angekommen, aber dann tatsächlich noch einen haufen von spirou+fantasio-comics ausgeliehen, der erstmal sticht: die neuen, gemalt von schwartz&yann bzw. morvan&munuera. gerade bei letzteren bekommt die freundschaft von spirou und fantasio einen ziemlich homo-erotischen unterton: sie wohnen zusammen, kleiden sich jugendlich-top-modisch (spirou als nicht mehr ganz junger early adopter) bzw. bewusst altmodisch (fantasio), und sie benehmen sich wie ein altes ehepaar, als sie verreisen wollen: das „wir“ steht klar im vordergrund gegenüber einem „ich und er“ („zu den ursprüngen des z“):

sie sind auffällig touchy („zu den ursprüngen des z“)…

…und geraten in situationen, die nicht mehr als homosozial verharmlost werden könnten („flut über paris“):

sogar in einem band aus der feder von schwartz&yann werden spirou und fantasio ganz natürlich von einem frittenverkäufer als flirtendes schwules pärchen wahrgenommen („operation fledermaus“):

auch indizien für heterosexuelles verhalten finden sich: in „zu den ursprüngen des z“ knutscht spirou mit steffani, wenn auch aus einer notlage heraus. später tritt er als ergrauter ehemann von miss flanner auf, wobei das auch quasi eine notlage ist, möglicherweise zwangsheterosexualität, weil er 30 jahre von fantasio getrennt war. das ließe sich also noch erklären, in „operation fledermaus“ scheitern solche wohlmeinenden rechtfertigungsversuche jedoch angesichts der eindeutigkeit der darstellungen: spirou verliebt sich in ein mädchen und will ihr blumen bringen, fantasio landet sogar mit einer frau im bett – wobei an dieser stelle gesagt werden muss, dass „operation fledermaus“ auch in anderer hinsicht aus dem üblichen spirou-rahmen fällt: die story (die auch nicht in die normale spirou-zählung aufgenommen ist, sondern als „spezial“ firmiert) spielt im von den nazis besetzten brüssel der frühen 40er, leute sterben bzw. werden umgebracht, und sogar spirou himself tötet ein paar nazi-soldaten. letztere details und der ernste hintergrund machen „operation fledermaus“ wesentlich gehaltvoller und damit lesenswerter im vergleich zu den anderen.

escher real life

ich vermute mal, dass da bei 0:46 eine pumpe im einsatz ist… aber super gemacht!

karen duve…

… ist gerade omnipräsent, weil sie mit jonathan safran foer herumreist und über vegetarismus/veganismus/fruitanismus (?) spricht. ich habe in meinem regal eine abenteuergeschichte von ihr von 2005 entdeckt, „die entführte prinzessin. von drachen, liebe und anderen ungeheuern“, ein lustiges buch (ja, das ist eine empfehlung) mit einem aha-erlebnis: denn schon damals thematisierte karen duve vegetarismus, zitat seite 49:

Der schwarze Prinz hasste Rosen. Er hasste auch Tulpen und Anemonen und Paeonien und Lilien. Er hasste sogar Veilchen und Rittersporn, er hasste alles, was blühte oder sich irgendwie kultivieren ließ. Der Prinz war Vegetarier, aber nicht, weil er Tiere liebte, sondern weil er so viele Pflanzen wie möglich vernichten wollte.

touché.

to die like a man

samstag in der spätvorstellung im fsk („der film läuft in ganz berlin in nur zwei kinos!“), hingelotst durch (und fast abgelenkt von) liebig-14-spontandemos, aber dann doch: „to die like a man“ („Morrer Como Um Homem“, Portugal 2009, Regie João Pedro Rodrigues). lohnte sich. protagonistin ist tonia, die ihr geld als travestiedarstellerin in einem nachtklub verdient, sich daneben um den jungen junkie rosario kümmert, dem sie abwechselnd mutter und partnerin ist, die sonst nur ihre hündin agustina liebt. es geht gleich mit ein paar kloppern los, denn tonia hat einen sohn, der bei einem militärmanöver zuerst verführt wird und dann den anderen erschießt, es folgt die origami-simulation einer plastischen geschlechts-op von männlich zu weiblich, wenig später tritt tonia im nachtklub auf und versucht vergeblich, rosario am telefon zu erreichen, um dann zuhause festzustellen, dass er mit ihren wertsachen auf und davon ist. – überall katastrophen und verzweiflung, niedertracht und verrat, furcht. als ob es noch nicht genug wäre, sucht tonia rosario, findet ihn, auf drogen, holt ihn wieder zu sich, er bedroht sie, sie bricht weinend zusammen, er geht. doch dann entspinnt sich darum doch noch eine geschichte, tonias sohn taucht auf, tonia zofft sich mit ihrer besten freundin irene um ein haarteil, rosario will seinen bruder besuchen, und obwohl weiterhin eine düstere melancholie über der gesamten handlung liegt, kommen ein paar momente des glücks, mit langen kameraeinstellungen und bildentrückungen fantastisch dargestellt. schon kurz vor dem haarteilstreit dreht sich tonia im frisierstuhl um sich selbst, die farben ändern sich ins grelle. und bei dem ausflug zu rosarios bruder gibt es lange, sinnleer erscheinende einstellungen am baggersee, tonia läuft links aus dem bild, die kamera folgt ihr, aber zu langsam, um sie nach einer halben minute landschaftsaufnahmen wieder einzufangen, ohne dass etwas passiert wäre. dann verlaufen sich rosario und tonia, geraten zu einem haus, in dem zwei weitere frauen/transvestiten leben: maria bakker mit ihrer freundin paula. hier gleitet die handlung ins skurrile, maria inszeniert ihr leben als theaterstück, zitiert deutsche lyrik (paul celan?), setzt entrückte blicke auf menschen, gegenstände oder die zimmerwand und heisst einen weiteren gast als botschafter einer fernen welt, von den männern nämlich, willkommen. ein gemeinsamer spaziergang wird zum beruhigten klimax, die menschen suchen sich einen platz in einem wald-stilleben, sitzen dort, während ein lied eingespielt wird, in kopfstimme gesungen, und sich wieder farben und lichter ändern. es sind szenen so voll kitsch und poesie, dass tonia rosario zum aufbruch drängt, es ist ihr unheimlich, sie hält es nicht mehr aus und will zurück in ihre wohnung, ihr leben, das dann doch wieder drama und schmerz bereithält, wie am anfang schon angelegt – nur dass es nun rosario ist, der sich um sie kümmert und ihr folgt, als sie geht.
„to die like a man“ ist beeindruckend, voll melancholie und poesie. kein film, den man so schnell abschütteln könnte – oder wollte.

italienisch schimpfen lernen mit silvio b.

erstaunlich, aber es geht immer noch peinlicher: der italienische ministerpräsident silvio berlusconi ruft bei einer talk-sendung an, pöbelt rum, nennt die sendung „postribolo televisivo“ („fernsehbordell“), „trasmissione disgustosa, conduzione spregevole, turpe, ripugnante“ („ekelhafte sendung, verächtliche, schändliche, widerwärtige moderation“). moderator gad lerner, der tatsächlich noch versucht, berlusconi fragen zu stellen (es geht um „rubygate“, also berlusconis kontakte zu einer minderjährigen prostituierten bzw. die rolle seiner mitarbeiterin nicole minetti, die die treffen arrangiert hat), hat dann auch die schnauze voll und revanchiert sich mit „cafone“ („prolet“).
vom show-aspekt grandios, aber eigentlich: armes italien.

queer beats, die dritte

queer beats 2011Schon ein paar Wochen her, aber gerade schwitzte mich Rummelsnuff aus der neuen intro an, also doch noch. Denn der war mit der beste Act des Festivals, aber ich greife vor: Vor zwei Jahren war das Queer-Beats-Festival grandios, letztes Jahr war ich nicht da und bekam nur hinterher davon vorgeschwärmt. Dieses Jahr also hin, und: naja. Wieder beeindruckend viele Bands, aber der Funke springt bei mir den ganzen Abend lang nicht so recht über. Trotz eigentlich okayer Musik und sympathischen Bezugsgruppen.

Los geht’s recht früh mit einer Queer Pop Lecture von Sonja Eismann und Christiane Erharter, die Thomas in Krems gesehen hatte und total gut fand. Sie reden über einen Film mit feministischem Inhalt, der dem Ambiente nach aus den 70ern stammt und von dem sie aber sagen, er sei heute immer noch genauso aktuell wie damals, was ich angesichts abschreckender Ästhetik und auftauchender Sozialdemokratismen nicht ganz nachvollziehen kann. Aber dann spielen sie Bikini Kill, Le Tigre und Scream Club bzw. zeigen deren Videos und verweisen auf den grandiosen Film „Itty Bitty Titty Committee“. Yay!

Dann los mit Live-Musik. That’s what we‘re here for. Crazy Bitch in a Cave ist ein geschminktes Wesen mit XXL-Wuschelfrisur und XXL-Jeansjacke. Er/sie singt mit Kopfstimme zu Elektro-Beats aus dem Rechner, nach dem ersten Song fällt die Haarklammer, und die Haare reichen bis unter die Hüfte, wow. Eine Begleiterin von Frau Krause fragt mich, ob das ein Mann oder eine Frau sei und ist unzufrieden mit meiner „Ist das nicht egal?“-Antwort. Anyway, sehr expressiv, aber nach vier Songs reicht es irgendwie auch, in der Haupthalle spielen eh gerade Clara Luzia, etwas melancholisch mit Akustikgitarre. Ich treffe die Weibsen-Bezugsgruppe, und gemeinsam stellen wir fest, dass Kill Her First im Ampere auch schon gespielt haben. Tss, drei Bühnen ganz dicht, und man verpasst trotzdem was! Clara Luzia fesseln nicht, dafür spielen dann Uh Oh im Ampere, fetzig in weißen langen Mänteln mit Neon-Aufdrucken, zwei Schlagzeuge, was für schön vertrackte Rhythmen und einen ordentlichen Wumms sorgt – zu wuchtig for me, also verziehe ich mich wieder ins Café, wo sich Rummelsnuff auf der Bühne breit gemacht hat: ein Muskelpaket, das ich bisher nur als surreales Comic-Wesen wahrgenommen hatte. Er trägt eine Matrosenmütze mit der Aufschrift „Volksmarine“, besingt zu Elektro-Beats das Seemannsleben, die Sonne von Sansibar bis Hammerfest oder den Aufbau Berlins nach dem Krieg. Eine Mischung aus Rammstein und Helge Schneider, bemerkt Till Krause treffend.

In der großen Halle spielen mittlerweile Austra aus Toronto, die Thomas mit einigen Vorschusslorbeeren bedacht hatte. Mich reissen sie aber nicht so recht mit, sie klingen wie die späten The Gathering, eine Metal-Band, die irgendwann keinen Bock mehr auf Metal hatte, dann aber nur noch schwülstiger Eso-Larifari übrig blieb. Wobei ich im Nachhinein ihren Gratis-Song runtergeladen habe, und: gefällt. Naja. Im Ampere ist Barbara Panther, von der ich aber auch nicht viel mitkriege, dann Yelle aus Paris auf der Hauptbühne: Wow. Pop vom Feinsten, etwas Show, aber vor allem die Musik ist mitreissend. Beste Musik des Abends, ich kriege nicht alles mit, weil ich mich lieber über BR Südwild unterhalte(n lasse). Den Abschluss machen Kap Bambino im Ampere, wieder satter Sound mit einem fies aussehenden Typen hinter einem Soundpult, der mindestens ebenso fiese elektronische Musik macht, und genau als ich denke, ganz gut, aber dafür braucht der doch nicht die ganze Bühne, erscheint eine verwirrt aussehende Frau, hüpft kreuz und quer über die Bühne, schreit ins Mikrophon, streicht sich ihre filzigen Haare aus der Stirn, hält inne, fixiert einen Punkt irgendwo auf halber Strecke zur Decke, explodiert dann wieder – angeblich hat sie sich später auch noch mit Bier übergossen, aber das wird mir nur erzählt, am Tag danach, als ich bei Thomas&Co in der Küche sitze, der schon zwischen Bandkutschtouren zum Flughafen das queer beats 2012 plant – Kele angefragt etc. Ich sage: Go.

2x keine weihnachtsgeschichte

1. hamburg: das jugendamt wandbek hat schon vor zwei jahren der gehörlosen annette s. ihren fünfjährigen sohn weggenommen, da die frau benin-deutscher herkunft nicht kommunikations- und interaktionsfähig sei und ihren sohn nicht erziehen könne. das amtsgericht barmbek bestätigte die entscheidung und entzog der verstörten mutter im april 2010 vollständig das sorgerecht: die mutter könne aufgrund ihrer „behinderung“ und herkunft und der damit verbundenen „opferrolle“ (o-ton ihr anwalt) ihr kind nicht erziehen.

der junge kam in eine pflegefamilie, die mutter durfte ihren sohn nicht mal mit auf den weihnachtsmarkt nehmen. er bekommt sein monaten keinen gebärdensprachunterricht, so dass er der mutter noch mehr entfremdet wird. seine tante, also die schwester der mutter, würde den sohn zu sich nehmen. sie ist gelernte erzieherin und erziehungswissenschaftlerin und hat selbst einen sohn in dem alter, beide lernen gerade gebärdensprache. doch das jugendamt sagt: in diese familie will man keine kinder geben. auch der großvater, extra aus benin angereist, darf das kind nicht sehen.

nun wird prozessiert. „hier werden menschenrechte mit füßen getreten, eine behinderte diskriminiert und mit rassistischen tendenzen amtlicherseits eine familie zerstört, sagt rechtsanwalt david schneider-addae-mensah. pressebericht.

2. braunschweig, ein paar tage vor weihnachten. der sohn der lebensgefährtin meines onkels war abends in der kneipe, hat ein bisschen zu viel getrunken und zeigt einem vorbeifahrenden polizeiauto den mittelfinger. das dreht mit quietschenden reifen um und fährt ihn einfach über den haufen. er liegt nun schwer verletzt im künstlichen koma. die beamten geben zunächst an, er sei ihnen einfach so vors auto gelaufen. doch mehrere zeugen (freunde von ihm, aber auch unbeteiligte) erklären, das polizeiauto hätte in kojak-manier gewendet und sei ohne licht in den jungen mann gefahren. der vater hat nun einen anwalt eingeschaltet. pressebericht.