Archiv der Kategorie 'top x der guten gründe'

immer nach westen

ich blogge über meine reise gerade eher auf immernachwesten.de

ankommen

das abenteuer beginnt, etwas überstürzter, als ich es eigentlich wollte. aber besser in den letzten zehn tagen vor der abreise krank werden als genau zu beginn. jetzt bin ich immer noch etwas angeschlagen, verstärkt durch die flugstrapazen – obwohl es kaum glatter hätte laufen können, mit sehr angenehmer begleitung, die ab new york dann in den süden weiterflog, um dort zu white supremacy zu forschen. sogar die immigration lieft so smooth wie noch nie, ich hatte mir ja zum stichwort fingerabdrücke nehmen old-school-tinte vorgestellt, was natürlich totaler quatsch ist, wenn man mal drüber nachdenkt: einfach finger auf ein pad legen, klick, und jetzt hat mich das ministerium für mutterlandsschutz für ewig in seinen archiven.

die new yorker u-bahn ist im vergleich zu diesem high-tech-visumsdingsda wunderbar trashig, ein krasser gegensatz eigentlich. irgendwo zwischen queens und brooklyn muss ich von der express train A in die local train C umsteigen, überall blättert die farbe ab, die jugendstil-gitter vor der lüftung sind verrostet, der bahnsteig ist eng, alles stickig und heiß, die u-bahn dann dank klimaanlage so kalt, dass man die jacke wieder auspacken möchte. drinnen erinnere ich mich an vor zehn jahren, als ich das letzte mal hier war, verdammt long hair, ich war mitte 20 und das world trade center stand noch, jedenfalls am anfang.

von damals kenne ich auch matt, bei dem ich erstmal unterkomme, er verwickelt mich sofort in politische diskussionen, freut sich über berichte aus dem berliner polit-chaos und schimpft auf die neue queere szene in new york, wo alle nicht radikal genug sind. und er erzählt, dass das von ihm vor fünfzehn (zwanzig?) jahren mit besetzte haus abc no rio zwar noch besteht, aber bald in ein öko-projekt umgewandelt wird, ohne punk und ohne graffitis. er selbst hat eine hübsche und für new-york-verhältnisse super geräumige wohnung in brooklyn, an der wand hängen drei fahrräder, und er sammelt kompost für eine lokale garteninitiative – in seinem tiefkühlschrank, weil das sonst so stinkt.

ich richte mich erstmal ein, überlege strategien gegen hitzestaus (laut spiegel online sollen es 40 grad werden am wochenende), probiere skype und so aus, zack! und werde mich ansonsten zunächst mit 9/11 befassen – mit nora gomringer mache ich einen radio-beitrag für den swr, das muss noch mit sounds und eindrücken von vor ort gefüllt werden. erste station also: ground zero. zweite station: wo war ich am 11. september 2001.

p.s. und ab und zu blogge ich auch hier: http://www.abacho.de/reise-inspiration/malte-auf-weltreise/

stadt, land, fluss

else-gewinner 2011, kommt im mai irgendwann ins kino: stadt land fluss von benjamin cantu. ein coming-out-film im ländlichen brandenburg, und damit ist der inhalt eigentlich auch schon erzählt. hier gibt es keine überraschenden wendungen oder brüche, schon der pressetext erzählt die geschichte bis zum schluss. marko (lukas steltner) und jakob (kai-michael müller) lernen sich bei der ausbildung zum landwirt kennen, knutschen in der scheune, reissen zusammen einen tag nach berlin aus und kommen sich noch näher. das sind die hard facts, mehr ist nicht.

oder doch? denn trotz der dürren und eigentlich altbekannten handlung ist „stadt land fluss“ ein besonderer film. er zeigt fast schon dokumentarisch die ausbildung zum landwirt, deutet lauter themen an: landlangeweile inkl. biertrinken vor dem netto, vollkommen fehlschlagende flirtversuche beim pizzabäcker, sprachlosigkeit zwischen eltern und kindern, bildungsdefizite… all das am rande. im mittelpunkt stehen marko und jakob, die beide keine freunde zu haben scheinen, kein leben ausser ihrer ausbildung, nichts ausser der langsam keimenden zuneigung zueinander. all das schön gezeigt mit langen einstellungen, stummen blicken, huschenden augen, wenigen worten. poetisch, und dann geht der film doch tief, das geschehen geht nahe, der brummig-unwillige marko, der ungelenk mit den armen schlenkert, dazu der etwas zartere jakob, die sich am ende in den armen halten, nicht die kitschige beautiful-thing-schluss-szene, und genau das ist die stärke des films.

pläne 2011

in new york etsy besuchen und scott matthew, ausserdem die stadt-imker und das restaurant, das seine lebensmittel per hydro-kultur auf dem eigenen dach anpflanzt. und matt finden, twinkie und steven kent jusick, die leute von vor zehn jahren, auf der williamsburg bridge die stelle finden, wo ich das erste mal in meinem leben wegen alkohol gekotzt habe, wo ich den ersten turm habe fallen sehen, vielleicht wohnt rodrigo noch in unserer wohnung? und das leo baeck institute besuchen. samira? yvonne ng?
in vermont von rik palieri songwriting erklären lassen, seine frau marianna zu bienen und ms befragen und zum grab meiner tante christel gehen.
in ottawa julie besuchen, die mir vor 14 jahren beigebracht hat, das wort „okay“ als gebeugtes adjektiv zu benutzen (beispiel: „das ist schon ein ziemlich okayer film“).
in toronto durch die neighbourhoods streichen, im green room abhängen, falls es den noch gibt, oder in der future bakery, über die bloor street west schlendern. ist paul kendal jetzt gewerkschafter? verkauft bonte minnema noch tierversicherungen in oakley? ist julie garro mehr journalistin oder burlesque-tänzerin geworden? und maggie, allison, erin, mez, denise, brian, carly, biljana, timothy_j, ginny?
in st. paul bei meiner kusine maike abhängen, mir ihren privatzoo erklären lassen.
in ohio (?) unter irgend einem vorwand joey goebel treffen und in gespräche verwickeln.
in austin die brücke besuchen, unter der die fledermäuse leben.
in oakland meine freundin amanda besuchen, die jetzt kangs heißt und sozialarbeiter ist. mit unserer band cuddle dreams on wheels‘ first baptist church ein oder zwei konzerte spielen.
meine tante/cousine heidi besuchen, vielleicht noch ihren bruder, den ich gar nicht kenne.
in san francisco abhängen, nach tipps von krill tause.
in honolulu monster und thirsty treffen, die heute auch anders heißen, an new york erinnern.
dann nach vietnam.

escher real life

ich vermute mal, dass da bei 0:46 eine pumpe im einsatz ist… aber super gemacht!

karen duve…

… ist gerade omnipräsent, weil sie mit jonathan safran foer herumreist und über vegetarismus/veganismus/fruitanismus (?) spricht. ich habe in meinem regal eine abenteuergeschichte von ihr von 2005 entdeckt, „die entführte prinzessin. von drachen, liebe und anderen ungeheuern“, ein lustiges buch (ja, das ist eine empfehlung) mit einem aha-erlebnis: denn schon damals thematisierte karen duve vegetarismus, zitat seite 49:

Der schwarze Prinz hasste Rosen. Er hasste auch Tulpen und Anemonen und Paeonien und Lilien. Er hasste sogar Veilchen und Rittersporn, er hasste alles, was blühte oder sich irgendwie kultivieren ließ. Der Prinz war Vegetarier, aber nicht, weil er Tiere liebte, sondern weil er so viele Pflanzen wie möglich vernichten wollte.

touché.

to die like a man

samstag in der spätvorstellung im fsk („der film läuft in ganz berlin in nur zwei kinos!“), hingelotst durch (und fast abgelenkt von) liebig-14-spontandemos, aber dann doch: „to die like a man“ („Morrer Como Um Homem“, Portugal 2009, Regie João Pedro Rodrigues). lohnte sich. protagonistin ist tonia, die ihr geld als travestiedarstellerin in einem nachtklub verdient, sich daneben um den jungen junkie rosario kümmert, dem sie abwechselnd mutter und partnerin ist, die sonst nur ihre hündin agustina liebt. es geht gleich mit ein paar kloppern los, denn tonia hat einen sohn, der bei einem militärmanöver zuerst verführt wird und dann den anderen erschießt, es folgt die origami-simulation einer plastischen geschlechts-op von männlich zu weiblich, wenig später tritt tonia im nachtklub auf und versucht vergeblich, rosario am telefon zu erreichen, um dann zuhause festzustellen, dass er mit ihren wertsachen auf und davon ist. – überall katastrophen und verzweiflung, niedertracht und verrat, furcht. als ob es noch nicht genug wäre, sucht tonia rosario, findet ihn, auf drogen, holt ihn wieder zu sich, er bedroht sie, sie bricht weinend zusammen, er geht. doch dann entspinnt sich darum doch noch eine geschichte, tonias sohn taucht auf, tonia zofft sich mit ihrer besten freundin irene um ein haarteil, rosario will seinen bruder besuchen, und obwohl weiterhin eine düstere melancholie über der gesamten handlung liegt, kommen ein paar momente des glücks, mit langen kameraeinstellungen und bildentrückungen fantastisch dargestellt. schon kurz vor dem haarteilstreit dreht sich tonia im frisierstuhl um sich selbst, die farben ändern sich ins grelle. und bei dem ausflug zu rosarios bruder gibt es lange, sinnleer erscheinende einstellungen am baggersee, tonia läuft links aus dem bild, die kamera folgt ihr, aber zu langsam, um sie nach einer halben minute landschaftsaufnahmen wieder einzufangen, ohne dass etwas passiert wäre. dann verlaufen sich rosario und tonia, geraten zu einem haus, in dem zwei weitere frauen/transvestiten leben: maria bakker mit ihrer freundin paula. hier gleitet die handlung ins skurrile, maria inszeniert ihr leben als theaterstück, zitiert deutsche lyrik (paul celan?), setzt entrückte blicke auf menschen, gegenstände oder die zimmerwand und heisst einen weiteren gast als botschafter einer fernen welt, von den männern nämlich, willkommen. ein gemeinsamer spaziergang wird zum beruhigten klimax, die menschen suchen sich einen platz in einem wald-stilleben, sitzen dort, während ein lied eingespielt wird, in kopfstimme gesungen, und sich wieder farben und lichter ändern. es sind szenen so voll kitsch und poesie, dass tonia rosario zum aufbruch drängt, es ist ihr unheimlich, sie hält es nicht mehr aus und will zurück in ihre wohnung, ihr leben, das dann doch wieder drama und schmerz bereithält, wie am anfang schon angelegt – nur dass es nun rosario ist, der sich um sie kümmert und ihr folgt, als sie geht.
„to die like a man“ ist beeindruckend, voll melancholie und poesie. kein film, den man so schnell abschütteln könnte – oder wollte.

queer beats, die dritte

queer beats 2011Schon ein paar Wochen her, aber gerade schwitzte mich Rummelsnuff aus der neuen intro an, also doch noch. Denn der war mit der beste Act des Festivals, aber ich greife vor: Vor zwei Jahren war das Queer-Beats-Festival grandios, letztes Jahr war ich nicht da und bekam nur hinterher davon vorgeschwärmt. Dieses Jahr also hin, und: naja. Wieder beeindruckend viele Bands, aber der Funke springt bei mir den ganzen Abend lang nicht so recht über. Trotz eigentlich okayer Musik und sympathischen Bezugsgruppen.

Los geht’s recht früh mit einer Queer Pop Lecture von Sonja Eismann und Christiane Erharter, die Thomas in Krems gesehen hatte und total gut fand. Sie reden über einen Film mit feministischem Inhalt, der dem Ambiente nach aus den 70ern stammt und von dem sie aber sagen, er sei heute immer noch genauso aktuell wie damals, was ich angesichts abschreckender Ästhetik und auftauchender Sozialdemokratismen nicht ganz nachvollziehen kann. Aber dann spielen sie Bikini Kill, Le Tigre und Scream Club bzw. zeigen deren Videos und verweisen auf den grandiosen Film „Itty Bitty Titty Committee“. Yay!

Dann los mit Live-Musik. That’s what we‘re here for. Crazy Bitch in a Cave ist ein geschminktes Wesen mit XXL-Wuschelfrisur und XXL-Jeansjacke. Er/sie singt mit Kopfstimme zu Elektro-Beats aus dem Rechner, nach dem ersten Song fällt die Haarklammer, und die Haare reichen bis unter die Hüfte, wow. Eine Begleiterin von Frau Krause fragt mich, ob das ein Mann oder eine Frau sei und ist unzufrieden mit meiner „Ist das nicht egal?“-Antwort. Anyway, sehr expressiv, aber nach vier Songs reicht es irgendwie auch, in der Haupthalle spielen eh gerade Clara Luzia, etwas melancholisch mit Akustikgitarre. Ich treffe die Weibsen-Bezugsgruppe, und gemeinsam stellen wir fest, dass Kill Her First im Ampere auch schon gespielt haben. Tss, drei Bühnen ganz dicht, und man verpasst trotzdem was! Clara Luzia fesseln nicht, dafür spielen dann Uh Oh im Ampere, fetzig in weißen langen Mänteln mit Neon-Aufdrucken, zwei Schlagzeuge, was für schön vertrackte Rhythmen und einen ordentlichen Wumms sorgt – zu wuchtig for me, also verziehe ich mich wieder ins Café, wo sich Rummelsnuff auf der Bühne breit gemacht hat: ein Muskelpaket, das ich bisher nur als surreales Comic-Wesen wahrgenommen hatte. Er trägt eine Matrosenmütze mit der Aufschrift „Volksmarine“, besingt zu Elektro-Beats das Seemannsleben, die Sonne von Sansibar bis Hammerfest oder den Aufbau Berlins nach dem Krieg. Eine Mischung aus Rammstein und Helge Schneider, bemerkt Till Krause treffend.

In der großen Halle spielen mittlerweile Austra aus Toronto, die Thomas mit einigen Vorschusslorbeeren bedacht hatte. Mich reissen sie aber nicht so recht mit, sie klingen wie die späten The Gathering, eine Metal-Band, die irgendwann keinen Bock mehr auf Metal hatte, dann aber nur noch schwülstiger Eso-Larifari übrig blieb. Wobei ich im Nachhinein ihren Gratis-Song runtergeladen habe, und: gefällt. Naja. Im Ampere ist Barbara Panther, von der ich aber auch nicht viel mitkriege, dann Yelle aus Paris auf der Hauptbühne: Wow. Pop vom Feinsten, etwas Show, aber vor allem die Musik ist mitreissend. Beste Musik des Abends, ich kriege nicht alles mit, weil ich mich lieber über BR Südwild unterhalte(n lasse). Den Abschluss machen Kap Bambino im Ampere, wieder satter Sound mit einem fies aussehenden Typen hinter einem Soundpult, der mindestens ebenso fiese elektronische Musik macht, und genau als ich denke, ganz gut, aber dafür braucht der doch nicht die ganze Bühne, erscheint eine verwirrt aussehende Frau, hüpft kreuz und quer über die Bühne, schreit ins Mikrophon, streicht sich ihre filzigen Haare aus der Stirn, hält inne, fixiert einen Punkt irgendwo auf halber Strecke zur Decke, explodiert dann wieder – angeblich hat sie sich später auch noch mit Bier übergossen, aber das wird mir nur erzählt, am Tag danach, als ich bei Thomas&Co in der Küche sitze, der schon zwischen Bandkutschtouren zum Flughafen das queer beats 2012 plant – Kele angefragt etc. Ich sage: Go.

mechanische tiere – und marilyn manson?

irgendwie recht zufällig bin ich letztens in „mechanische tiere“ im about.blank gewesen, auf moglis abschiedsparty hatten magz und nappo davon erzählt, und weil ich eh mal dorthin wollte (bisher immer ohrentechnisch gemieden), hab ichs mir gemerkt und interessierte begleitung verpflichtet. durchs verschneite f‘hain also hingestapft (mit abstecher zu diesem veganen burger-laden am boxi), ein schöner ort (wohl im sommer schöner, wenn man den garten auch nutzen kann) im vermeintlichen niemandsland hinter dem ostkreuz (von hier aus gesehen vor dem ostkreuz, aber gefühlt trotzdem dahinter). der abend bekam schon beim beim einlass happening-charakter, es war die letzte aufführung (von drei), und weil an den vorabenden wegen ausverkauft leute nicht reingelassen wurden, war es jetzt noch voller, und alle durften rein, um sie nicht zurück in die kälte schicken zu müssen. magz bat vor beginn in einer kurzen ansprache um kuschelfreundliches zusammenrücken, und bitte nicht auf die weiße matte treten, das sei die bühne. und dann gings los, ein knapp einstündiges feuerwerk an sprüchen, floskeln aus dem leben von jungen erwachsenen, in verschiedenen situationen wie bewerbungsgespräch, anmache, liebesdrama – entsprechend dargeboten mit gleichen ritualisierten posen und bewegungen und stille dazwischen (stille: i like). man erkannte abwechselnd vorabendserie, erlauschtes gespräch in der u-bahn und sich selbst wieder, stellenweise brüllend komisch, aber dann (vor allem wegen des selbst-erkennens) auch nahegehend. vier engagierte schauspieler_innen, lustige regie-ideen (inkl. gemeinsamem posing im türrahmen), zack.

hinterher hab ich das stück gegoogelt, geschrieben von rebekka kricheldorf ursprünglich mit dem untertitel „eine hommage an marilyn manson“, weil sich der titel auf sein album „mechanical animals“ bezieht. ich hab rebekka kricheldorf angemailt, und sie schrieb mir, dass sie tatsächlich jede der 14 szenen in „mechanische tiere“ zu einem der 14 songs von „mechanical animals“ geschrieben hat. wobei man das im stück nicht mehr unbedingt merkt.

also, haltet die augen offen, wenn es nochmal irgendwo aufgeführt wird und sagt mir bescheid. ich würd nochmal hingehen.

dan zadra

„no one can go back and make a brand new start, my friend, but anyone can start from here and make a brand new end.“
dan zadra