Archiv der Kategorie 'gesehen'

stadt, land, fluss

else-gewinner 2011, kommt im mai irgendwann ins kino: stadt land fluss von benjamin cantu. ein coming-out-film im ländlichen brandenburg, und damit ist der inhalt eigentlich auch schon erzählt. hier gibt es keine überraschenden wendungen oder brüche, schon der pressetext erzählt die geschichte bis zum schluss. marko (lukas steltner) und jakob (kai-michael müller) lernen sich bei der ausbildung zum landwirt kennen, knutschen in der scheune, reissen zusammen einen tag nach berlin aus und kommen sich noch näher. das sind die hard facts, mehr ist nicht.

oder doch? denn trotz der dürren und eigentlich altbekannten handlung ist „stadt land fluss“ ein besonderer film. er zeigt fast schon dokumentarisch die ausbildung zum landwirt, deutet lauter themen an: landlangeweile inkl. biertrinken vor dem netto, vollkommen fehlschlagende flirtversuche beim pizzabäcker, sprachlosigkeit zwischen eltern und kindern, bildungsdefizite… all das am rande. im mittelpunkt stehen marko und jakob, die beide keine freunde zu haben scheinen, kein leben ausser ihrer ausbildung, nichts ausser der langsam keimenden zuneigung zueinander. all das schön gezeigt mit langen einstellungen, stummen blicken, huschenden augen, wenigen worten. poetisch, und dann geht der film doch tief, das geschehen geht nahe, der brummig-unwillige marko, der ungelenk mit den armen schlenkert, dazu der etwas zartere jakob, die sich am ende in den armen halten, nicht die kitschige beautiful-thing-schluss-szene, und genau das ist die stärke des films.

to die like a man

samstag in der spätvorstellung im fsk („der film läuft in ganz berlin in nur zwei kinos!“), hingelotst durch (und fast abgelenkt von) liebig-14-spontandemos, aber dann doch: „to die like a man“ („Morrer Como Um Homem“, Portugal 2009, Regie João Pedro Rodrigues). lohnte sich. protagonistin ist tonia, die ihr geld als travestiedarstellerin in einem nachtklub verdient, sich daneben um den jungen junkie rosario kümmert, dem sie abwechselnd mutter und partnerin ist, die sonst nur ihre hündin agustina liebt. es geht gleich mit ein paar kloppern los, denn tonia hat einen sohn, der bei einem militärmanöver zuerst verführt wird und dann den anderen erschießt, es folgt die origami-simulation einer plastischen geschlechts-op von männlich zu weiblich, wenig später tritt tonia im nachtklub auf und versucht vergeblich, rosario am telefon zu erreichen, um dann zuhause festzustellen, dass er mit ihren wertsachen auf und davon ist. – überall katastrophen und verzweiflung, niedertracht und verrat, furcht. als ob es noch nicht genug wäre, sucht tonia rosario, findet ihn, auf drogen, holt ihn wieder zu sich, er bedroht sie, sie bricht weinend zusammen, er geht. doch dann entspinnt sich darum doch noch eine geschichte, tonias sohn taucht auf, tonia zofft sich mit ihrer besten freundin irene um ein haarteil, rosario will seinen bruder besuchen, und obwohl weiterhin eine düstere melancholie über der gesamten handlung liegt, kommen ein paar momente des glücks, mit langen kameraeinstellungen und bildentrückungen fantastisch dargestellt. schon kurz vor dem haarteilstreit dreht sich tonia im frisierstuhl um sich selbst, die farben ändern sich ins grelle. und bei dem ausflug zu rosarios bruder gibt es lange, sinnleer erscheinende einstellungen am baggersee, tonia läuft links aus dem bild, die kamera folgt ihr, aber zu langsam, um sie nach einer halben minute landschaftsaufnahmen wieder einzufangen, ohne dass etwas passiert wäre. dann verlaufen sich rosario und tonia, geraten zu einem haus, in dem zwei weitere frauen/transvestiten leben: maria bakker mit ihrer freundin paula. hier gleitet die handlung ins skurrile, maria inszeniert ihr leben als theaterstück, zitiert deutsche lyrik (paul celan?), setzt entrückte blicke auf menschen, gegenstände oder die zimmerwand und heisst einen weiteren gast als botschafter einer fernen welt, von den männern nämlich, willkommen. ein gemeinsamer spaziergang wird zum beruhigten klimax, die menschen suchen sich einen platz in einem wald-stilleben, sitzen dort, während ein lied eingespielt wird, in kopfstimme gesungen, und sich wieder farben und lichter ändern. es sind szenen so voll kitsch und poesie, dass tonia rosario zum aufbruch drängt, es ist ihr unheimlich, sie hält es nicht mehr aus und will zurück in ihre wohnung, ihr leben, das dann doch wieder drama und schmerz bereithält, wie am anfang schon angelegt – nur dass es nun rosario ist, der sich um sie kümmert und ihr folgt, als sie geht.
„to die like a man“ ist beeindruckend, voll melancholie und poesie. kein film, den man so schnell abschütteln könnte – oder wollte.