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spirou ♥ fantasio?

ein wochenende zeit, comic-edition der sz angekommen, aber dann tatsächlich noch einen haufen von spirou+fantasio-comics ausgeliehen, der erstmal sticht: die neuen, gemalt von schwartz&yann bzw. morvan&munuera. gerade bei letzteren bekommt die freundschaft von spirou und fantasio einen ziemlich homo-erotischen unterton: sie wohnen zusammen, kleiden sich jugendlich-top-modisch (spirou als nicht mehr ganz junger early adopter) bzw. bewusst altmodisch (fantasio), und sie benehmen sich wie ein altes ehepaar, als sie verreisen wollen: das „wir“ steht klar im vordergrund gegenüber einem „ich und er“ („zu den ursprüngen des z“):

sie sind auffällig touchy („zu den ursprüngen des z“)…

…und geraten in situationen, die nicht mehr als homosozial verharmlost werden könnten („flut über paris“):

sogar in einem band aus der feder von schwartz&yann werden spirou und fantasio ganz natürlich von einem frittenverkäufer als flirtendes schwules pärchen wahrgenommen („operation fledermaus“):

auch indizien für heterosexuelles verhalten finden sich: in „zu den ursprüngen des z“ knutscht spirou mit steffani, wenn auch aus einer notlage heraus. später tritt er als ergrauter ehemann von miss flanner auf, wobei das auch quasi eine notlage ist, möglicherweise zwangsheterosexualität, weil er 30 jahre von fantasio getrennt war. das ließe sich also noch erklären, in „operation fledermaus“ scheitern solche wohlmeinenden rechtfertigungsversuche jedoch angesichts der eindeutigkeit der darstellungen: spirou verliebt sich in ein mädchen und will ihr blumen bringen, fantasio landet sogar mit einer frau im bett – wobei an dieser stelle gesagt werden muss, dass „operation fledermaus“ auch in anderer hinsicht aus dem üblichen spirou-rahmen fällt: die story (die auch nicht in die normale spirou-zählung aufgenommen ist, sondern als „spezial“ firmiert) spielt im von den nazis besetzten brüssel der frühen 40er, leute sterben bzw. werden umgebracht, und sogar spirou himself tötet ein paar nazi-soldaten. letztere details und der ernste hintergrund machen „operation fledermaus“ wesentlich gehaltvoller und damit lesenswerter im vergleich zu den anderen.

karen duve…

… ist gerade omnipräsent, weil sie mit jonathan safran foer herumreist und über vegetarismus/veganismus/fruitanismus (?) spricht. ich habe in meinem regal eine abenteuergeschichte von ihr von 2005 entdeckt, „die entführte prinzessin. von drachen, liebe und anderen ungeheuern“, ein lustiges buch (ja, das ist eine empfehlung) mit einem aha-erlebnis: denn schon damals thematisierte karen duve vegetarismus, zitat seite 49:

Der schwarze Prinz hasste Rosen. Er hasste auch Tulpen und Anemonen und Paeonien und Lilien. Er hasste sogar Veilchen und Rittersporn, er hasste alles, was blühte oder sich irgendwie kultivieren ließ. Der Prinz war Vegetarier, aber nicht, weil er Tiere liebte, sondern weil er so viele Pflanzen wie möglich vernichten wollte.

touché.

kurkow update

ok. ich hab das buch doch lieben gelernt.

schade, andrej kurkow, aber auch schön

„die letzte liebe des präsidenten“ halb durch, und nur mühsam langsam beginnt das buch zu fesseln. durchbeissen, wegen guter empfehlungen. wirklich schade, denn es ist schön geschrieben. sehr schön, wirklich. nikolaj gogol hätte sich gefreut. michal hvorecky tut es hoffentlich auch.

Kolja Lwowitsch verließ den Raum und kam gleich wieder rein, diesmal schon mit dem russischen Botschafter. Da hatte ich meine zehn Minuten! Zur Zeit war Poljarkowski Botschafter, ein ‚degradierter‘ Oligarch. Früher hatte er alles in Reichweite unter sich zusammengescharrt, so lange, bis der russische Präsident alles Angesammelte unter ihm hervorscharrte und ihn vor die Wahl stellte: Emigration oder Dienst zum Wohl des Vaterlandes. Jetzt scharrte Poljarkowski wieder alles zusammen, nicht für sich, sondern für Rußland. Er mischte sich ständig in unsere Wirtschaft ein, aber dagegen konnte man tatsächlich nichts tun. Nur formal war es ja unsere Wirtschaft, das hieß, Ukrainer bedienten sie, aber gehören tat alles Rußland, Deutschland, Litauen und Zypern.
(Andrej Kurkow: Die letzte Liebe des Präsidenten, Diogenes, S. 210)

ruf mich bei deinem namen

aciman: ruf mich bei deinem namen

zuerst erinnerte mich „ruf mich bei deinem namen“ unseligerweise an „die brille mit dem goldrand“ – das schrieb giorgio bassani 1958, es handelt von einem schwulen dorfarzt, der als durch und durch bemitleidenswertes geschöpf dargestellt wird: er tut alles für gesellschaftliche anerkennung, die ihm aber aufgrund seiner homosexualität versagt bleibt, am ende zerbricht er daran. also die für die zeit wahrscheinlich typische konnotation: schwul=tragisch.

„ruf mich bei deinem namen“ spielt auch in italien, ebenfalls in der vergangenheit, wenn auch nicht ganz so weit – und hier ist es der teenager-sohn, der seine gefühle zu männern entdeckt und sich in den amerikanischen studenten verliebt, der den sommer über in seinem haus wohnt. doch da ist es schon längst mit parallelen zu bassani vorbei, homosexualität als solche spielt hier eigentlich keine große rolle – es geht dem autor andre aciman um die liebe, hier vor allem um die stärke der liebe – dass sich hier ein mann in einen anderen mann verliebt, verleiht den gefühlen viel mehr tiefe, weil sich die männer gegen ihre gefühle sträuben und sie dann doch verfolgen, sich gegen die gesellschaft stellen, um sie erfahren zu dürfen. es ist vielleicht bezeichnend, dass andre aciman eine frau hat und kinder – er schreibt von verlangen, sehnsucht und liebe erstaunlich unkitschig und unprätentiös. hier ist es einfach, wie es ist. gefühle sind da oder nicht, und wenn es schön ist, dann auf beiden seiten. egal, welches geschlecht die beteiligten haben. „in diesem moment waren wir nicht mehr mann und mann, sondern mensch und mensch“. sic.

schöne, wahre sätze, subtile liebeserklärungen mit vielen worten (die ich so wohl nicht verstanden hätte), poetisch-philosophisches geschwurbel: „Ich wusste, dass die gemeinsamen Minuten gezählt waren, aber ich traute mich nicht, sie zu zählen, so wie ich auch wusste, wohin der Weg führte, es aber nicht wagte, die Meilensteine abzulesen.“ – schön. best book 2009.

gelesen: kirsten fuchs

ich habe kirsten fuchs vor ein paar jahren bei einer lesebühne gesehen bzw. erlebt (den „erfolgsschriftstellern im schacht“ im „bergwerk“ in mitte), und dachte mir: den namen merkst du dir (genau wie ihre redewendung „ich litt an geistiger zerzausung“). jetzt bei der faz ihr buch „heile heile“ gefunden und in drei tagen durchgelesen. der text auf der buchrückseite hätte mich fast in die flucht geschlagen: „liebeskummer, lebenslust und eine bedrohliche krankheit – kirsten fuchs erzählt vom erwachsenwerden jenseits der dreissig.“ und viel mehr ist es auch nicht. keine tiefe literatur, aber eine ganz schöne alltagsgeschichte. adrian trennt sich von rebekka, weil sie mit ihrem ex „fremdgegangen“ ist. rebekka kommt damit schlecht zurecht, sucht sich hilfe bei freund_innen und in einer selbsthilfegruppe. ihre beste freundin jette hat krebs.
kirsten fuchs‘ spezialität sind die worte, die kleinen formulierungen, die umgewendeten redewendungen. das stellt sie in eine reihe mit angelika schrobsdorff und kurt tucholsky. kirsten fuchs schafft es, mit ihrer sprache und erzählweise eine lockerheit zu erzeugen, die einen über eine vermeintlich langweilig-alltägliche story hinweghebt. und die dem thema „trennung“ auch seine verdrießlichkeit nimmt. manchmal ist es zwar eine wendung zu viel, aber es ist kirsten fuchs hoch anzurechnen, dass sie nicht aussteigt, wenn es schwierig wird. der krebstod der besten freundin hätte einen ausstieg aus dem buch bedeutet, aber kirsten fuchs bleibt dran, und auf einmal ist die beinahe-heitere trennungsgeschichte eine fabel über vergänglichkeit und wertsetzungen.
kirsten fuchs, merkt euch den namen.