Archiv der Kategorie 'freiburg, kleinkunst, gitarrenhändler'

Bahnfahren in den USA

Die USA sind eine ruhmreiche Bahnfahrer-Nation, wenn man an die Pionierleistungen der Transkontinentalstrecken denkt – aber wesentlich autoreicher als eisenbahn-ruhmreich. Passend dazu setzt mich Amtrak auf der Strecke von Cupertino nach San Diego erstmal in einen Bus, ab Santa Barbara soll ich dann den Surfliner nehmen, eine angeblich legendäre Bahn in Südkalifornien, die alle Strände abklappert und extra Ständer für Surfbretter hat. Ich bin begeistert, aber am Bahnhof in Santa Barbara zunächst verwirrt: Da steht der Zug, er ist leer und bereit zum einsteigen, offensichtlich. Der Bahnsteig ist voll, aber niemand steigt ein. Was ist das Problem? Ich warte mit der Masse, bis eine unverständliche Durchsage ertönt und die vielen Leute sich brav in einer Schlage anstellen, dann kommt Bahnpersonal und winkt die Leute in die Wagen. Boarding wie beim Flugzeug. Umständlich!!

Dann fährt der Zug, und das so romantisch klingende Strand-Hopping entpuppt sich schnell als Regionalbahnartiger Stopp in jedem Kaff zwischen Santa Barbara und San Diego – zwei Dutzend Stationen, und an allen das gleiche Prozedere (hier mit der fiktiven Station „Ocean Beach“:

DingDong, Wir erreichen gleich Ocean Beach, Ocean Beach ist die nächste Station, wer hier aussteigen will bitte jetzt zu den Ausgängen begeben, achtung, die sind im Erdgeschoss des Zuges, also unten, bitte gut festhalten am Geländer. Wer hier aussteigt, sollte besser nochmal nachgucken, ob er alles hat, unter dem Sitz, über dem Sitz, neben dem Sitz, haben Sie alles? Dann runter zu den Türen, gut festhalten, diese Station ist Ocean Beach, vielen Dank fürs Fahren mit Amtrak.
[Der Zug kommt an.]
DingDong, das hier ist Ocean Beach, der Zug fährt nach Süden, achtung, er fährt nach Süden, nicht nach Norden, sondern nach Süden.
[kurze Pause]
DingDong, Der Zug fährt nach Süden, Achtung, wir fahren gleich weiter, wer also in Ocean Beach bleiben möchte, muss jetzt aussteigen, auch alle Besucher, letzte Gelegenheit, last Call für Ocean Beach! Weiterfahrt nur mit Ticket! Achtung, das ist ein Zug nach Süden!
[kurze Pause]
DingDong, Türen schließen. DingDong, Türen schließen.
[Der Zug fährt an.]
DingDong, Türen schließen. DingDong, Türen schließen.
[kurze Pause]
DingDong, Willkommen bei Amtrak im Zug nach Süden. Wenn Sie gerade eingestiegen sind, wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt, achtung, der Zug ist überfüllt, bitte setzen Sie sich nicht allein auf zwei Sitze, machen Sie Platz, damit alle sitzen können, ich wiederhole, der Zug ist überfüllt, es gilt: ein Ticket, ein Platz!Rücken Sie durch, damit alle sitzen können! Nächste Station ist Sowieso Beach, in zehn Minuten, nächste Station ist Sowieso Beach, in zehn Minuten!

Und zehn Minuten später das gleiche nochmal.
Und ich frage mich: Warum? Sind Amerikaner so überfordert vom Zugfahren, dass man ihnen immer alles nochmal erklären muss? Oder ist das Service, und die Amerikaner fühlen sich so besser betreut? Oder wurde Amtrak verklagt, weil nicht gesagt wurde, dass man sich festhalten soll, wenn man im schlingernden doppelstöckigen Zug die Treppe benutzt, oder weil nur einmal angesagt wurde, dass der Zug gerade in Ocean Beach hält?

Ok, man könnte sagen: Besser als z.B. in Rom an der Station Ostiense (oder war es Tuscolana?), wo es im Zug keine Ansagen gab, dafür aber auch keine Beschriftung des Bahnhofs.

Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass auf der Rückfahrt von San Diego nach Los Angeles keine so nervigen Ansagen gemacht wurden. Allerdings wurde ich vom Schaffner darauf aufmerksam gemacht, dass ich vergessen hatte, das Zugticket zu unterschreiben. Ja.

nazi-google? nein, chaplin-google.

es hat seine gründe, warum charlie chaplin in deutschland eher mit spazierstock und melone gleichgesetzt wird als mit oberlippenbärtchen und frakturschrift.
nicht gut, google.

2x keine weihnachtsgeschichte

1. hamburg: das jugendamt wandbek hat schon vor zwei jahren der gehörlosen annette s. ihren fünfjährigen sohn weggenommen, da die frau benin-deutscher herkunft nicht kommunikations- und interaktionsfähig sei und ihren sohn nicht erziehen könne. das amtsgericht barmbek bestätigte die entscheidung und entzog der verstörten mutter im april 2010 vollständig das sorgerecht: die mutter könne aufgrund ihrer „behinderung“ und herkunft und der damit verbundenen „opferrolle“ (o-ton ihr anwalt) ihr kind nicht erziehen.

der junge kam in eine pflegefamilie, die mutter durfte ihren sohn nicht mal mit auf den weihnachtsmarkt nehmen. er bekommt sein monaten keinen gebärdensprachunterricht, so dass er der mutter noch mehr entfremdet wird. seine tante, also die schwester der mutter, würde den sohn zu sich nehmen. sie ist gelernte erzieherin und erziehungswissenschaftlerin und hat selbst einen sohn in dem alter, beide lernen gerade gebärdensprache. doch das jugendamt sagt: in diese familie will man keine kinder geben. auch der großvater, extra aus benin angereist, darf das kind nicht sehen.

nun wird prozessiert. „hier werden menschenrechte mit füßen getreten, eine behinderte diskriminiert und mit rassistischen tendenzen amtlicherseits eine familie zerstört, sagt rechtsanwalt david schneider-addae-mensah. pressebericht.

2. braunschweig, ein paar tage vor weihnachten. der sohn der lebensgefährtin meines onkels war abends in der kneipe, hat ein bisschen zu viel getrunken und zeigt einem vorbeifahrenden polizeiauto den mittelfinger. das dreht mit quietschenden reifen um und fährt ihn einfach über den haufen. er liegt nun schwer verletzt im künstlichen koma. die beamten geben zunächst an, er sei ihnen einfach so vors auto gelaufen. doch mehrere zeugen (freunde von ihm, aber auch unbeteiligte) erklären, das polizeiauto hätte in kojak-manier gewendet und sei ohne licht in den jungen mann gefahren. der vater hat nun einen anwalt eingeschaltet. pressebericht.

Spon-TV über Berlusconi: 6, setzen.

Dass die Videos von Spiegel Online oft oberflächlich und sensationalistisch sind, habe ich vor anderthalb Jahren hautnah (quasi) mitbekommen. Ich war für Spon auf der Demo „Wir zahlen nicht für eure Krise“, außer mir war noch ein Spon-TV-Team dabei. Es kam zu kleinen Auseinandersetzungen mit der Polizei, weil auch ein kleiner Schwarzer Block in der Demo unterwegs war, die ich mit ein paar Sätzen abhandelte, während es mir im Text vor allem um die Forderungen bzw. Positionen der Mehrheit der Demonstrierenden ging. Auf dem Video war die Demo nur Kulisse für vermummte Autonome und rangelnde Polizisten, man bekam den Eindruck, dass sich weite Teile der Protestierenden radikalisiert hätten und nur knapp ein Blutbad abgewendet wurde.

Ähnlich ärgerlich nun die Berichterstattung zu Berlusconi. Video-O-Ton: „Mit dem Verbleib Berlusconis im Ministerpräsidentenamt sind viele vor allem junge Menschen ganz offensichtlich nicht einverstanden, wie hier in Rom protestierten landesweit mehrere tausend Menschen gegen den Kurs der Berlusconi-Führung.“ (Bilder dazu: ein Carabinieri-Wagen blockiert eine Straße (dahinter Polizisten), eine Meute Demonstranten steht davor und bewirft die Polizisten mit irgendetwas (sieht aus wie Rucksäcke).) – Sie sagen, was man „ganz offensichtlich“ eh sieht, nutzen Floskeln (was soll hier „der Kurs der Berlusconi-Führung“? – es geht um die Person Berlusconi) und gehen am Thema vorbei. Es geht doch nicht um die tausend Demonstranten (gegen Berlusconi haben schon vor Jahren Hunderttausende demonstriert, und das war den deutschen Medien meist nur einen Absatz wert), sondern um die Abstimmung im Parlament, vor der Berlusconi ganz plump einige Abgeordnete der Opposition bestochen hat. Was sagt der Berlusconi-Abtrünnige Fini? Was sagt die Opposition? Egal, Hauptsache man hat Krawalle im Bild. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734559,00.html

Nachtrag 1: Natürlich sind die Rom-Aufnahmen nicht von Spon-TV gemacht, sondern von Reuters – insofern kann es auch einfach sein, dass andere Aufnahmen einfach noch nicht vorlagen – was nicht den dümmlichen Kommentar entschuldigt.

Nachtrag 2: Offenbar kam es dann doch noch zu echten Krawallen (was aber auch nichts an der Einschätzung des Filmchens ändert).

Helden von früher: Sleater Kinney

Sleater Kinney liebte ich mal. Das war so 1997/98, Nancy kam an mit dem Film „All Over Me“ und dessen grandiosem Soundtrack, der dann den persönlichen Soundtrack zu ca. einem Jahr lieferte – da drauf dann eben Sleater Kinney mit dem kongenialen „I wanna be your Joey Ramone“, dem Text „it’s what i thought / it’s rock‘n'roll“ (ach!) und ihrem Sound aus gegenläufigen Melodielinien der beiden Gitarren, die den Gitarrensound der New-York-Gitarrenbands der 2000er vorwegnahmen.

In schneller Abfolge hauten die Mädels ihre Alben „Sleater Kinney“, „Call the Doctor“ und „Dig Me Out“ raus, wurden überall belobigt, feministische Texte, schnelle Punksongs, irgendwie erfrischend, sie wurden bald zu einer der bekanntesten Band der Riot-Grrl-Bewegung aus Olympia (Washington), neben Team Dresch und Bikini Kill. Am grandiosesten war tatsächlich das erste Album: „Sleater Kinney“, mit 10 Songs, alles Hits. Naja, fast. Aber mindestens die Hälfte der Songs, das zurückhaltende „The Day I Went Away“ mit dem bestimmenden „so far / so good“, nachdenkliche Gitarren bei „Her Again“, extrem schmissig „Be Yr Mama“, „Lora’s Song“ mit schön asynchronem Gesang, „The Last Song“, der versönlich beginnt, aber dann mit einem dicken Mittelfinger die Platte beendet: „I don‘t owe you anything!“ Yess, zack!

Dann war ich in Toronto, und die Band kam mit ihrer neuen Platte „The Hot Rock“ auch auf Tour. Die war schon nervig, irgendwer hatte die Verzerrer vergessen anzuschalten, statt dessen tändelten die Gitarren nur noch durch die Gegend – es klang nicht mehr aggressiv, sondern eingerichtet und gesettlet, und im fehlenden Lärmbett fielen auch die stimmlichen Defizite viel besser auf. Live noch mehr, gequält wartete ich im Opera House auf das Ende des Konzertes. Und richtig unten durch war die Band für mich, als ich von Freunden hörte, dass der lokale Punk-Infoladen „Who’s Emma“ seinen Infotisch abbauen musste, weil die Veranstalter keinen Bock auf sie hatten. Und Sleater Kinney sahen das und rührten keinen Finger! Naja. Kill your Idols.

Später kamen noch ein paar Alben raus, 2006 lösten sich Sleater Kinney auf.

Antifeminismus? wtf!

Gerade bei Facebook drüber gestolpert: Am 30. Oktober findet in Zürich tatsächlich das 1. Internationale Antifeminismus-Treffen statt. Zitat: „Wer für freiheitliche Grundrechte, Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsteht, kann mit der Unterstützung unseres Treffens einen Beitrag dazu leisten, dass menschenverachtende Ideologien wie die feministische in der Schweiz und in Europa hoffentlich bald keinen Platz mehr finden.“
Ist wohl keine Satire…

Lustigerweise war ich gerade vor ein paar Wochen im Zürcher Zoo (was ich dort machte, kommt in einem anderen Posting) und fand dort im Gewächshaus einen Flyer für die „Männerpartei“ (www.maennerpartei.ch), die mit dem Motto „Schluss mit der Männerdiskriminierung“ auf sich aufmerksam machte – auch dies keine Satire.
Ein seltsamer Link: Das „Antifeminismus-Treffen“ findet ebenfalls in einem Gewächshaus statt.

Gender-Klostudie Schweiz Teil 1: Hotel Alpha-Palmiers, Lausanne

Auf dem Frauenklo darf gewickelt werden. Auf dem Herrenklo auch. Allerdings jeweils bitte nur von Frauen.

Interpol: Barricade

Manchmal will man seine Helden gar nicht näher ansehen.
Interpol lieferten 2005 den Soundtrack zur Zeit. Sänger Paul Banks deklamierte: „Can’t you see what you’ve done to my heart and my soul. I’m a wasteland now.“ – etwas leidend, aber nicht larmoyant, eher fast aus einer Position der Stärke heraus: Er konstatierte mehr als dass er beklagte, zwar heartbroken, aber mit eindringlich-klarer Stimme selbstbewusst Respekt einfordernd. Als wüsste er genau, wovon er da singt/spricht.
Und jetzt? Interpol haben eine neue Platte, die Single „Barricade“ gibt’s auch als Video. Dort stehen Interpol mit ihren Instrumenten in einer Feld-und-Wiesen-Landschaft herum, hippe Indie-Bubis, sie stapfen beim Spielen prätentiös mit dem Fuß den Takt in den Boden. Diese Boys wollen mir weismachen, dass sie etwas vom Leben verstanden haben? No way.

Anmerkung zu Sarrazin: Volkshygiene

was ich an sarrazins tiraden besonders widerlich finde (und was nirgendwo sonst auftaucht, bitte korrigiert mich): der volksgemeinschaft-charakter seiner thesen. auf der einen seite „die deutschen“ als vermeintlich klar definierte gruppe (womöglich auch per gen identifizierbar, wie offenbar auch „die juden“), auf der anderen seite dann „die muslime“ bzw. „die türken“ (und auch noch „die juden“, da ja dank gen identifizierbar). und nun muss nach sarrazin die deutsche volksgemeinschaft (intelligent) sauber gehalten werden von den muslimischen einflüssen (nicht intelligent). volkshygiene nennt man das wohl und steckt so mitten drin in der völkischen bewegung. fuck off.

heterosexuelle schokolade?

erstaunen und ärger: die wöchentliche zündfunk-redaktionssitzung, nächste woche planen, die beiden verantwortlichen haben kekse mit schoko-überzug besorgt, damit die ideen besser sprudeln. und dann: „reichst du mir mal bitte die kekse? oder sind die das mit der schwulen schokolade?“ – „nee, schwul sind die mit vollmilch.“ aha. ich wollte auch welche. „kann ich auch welche von den keksen mit der heterosexuellen schokolade haben? danke.“