Medienschau: San Francisco Chronicle

Der San Francisco Chronicle machte in den letzten Jahren Schlagzeilen, weil er kurz vor dem Aus stand – als erste große und traditionsreiche Tageszeitung der USA das prominenteste Opfer der Zeitungskrise. Es gab viel Tamtam, der Chronicle wurde knapp gerettet und ich lese mal rein:

Die Zeitung beginnt ganz praktisch mit einer kurzen Übersicht über die wichtigsten Themen des Tages, aufgeteilt in Politik, Sport, Regionales, Kultur/Vermischtes und Wirtschaft. Dann der Aufmacher, in diesem Fall (24. September 2011) das Wetter.

Überflüssigerweise steht „Weather“ auch nochmal in der Dachzeile des Aufmachers, dann steht dort, was alle schon am Vortag sehen konnten, als sie aus dem Fenster schauten: Sonne ist vorbei, jetzt kommen Wolken, und es wird kühler draussen. Der Artikel beginnt: „It’s now officially autumn, a La Nina weather pattern is forming, and we might soon be dodging rain.“ – „Es ist nun offiziell Herbst, ein Wetterumschwung dank La Nina, bald kommt Regen.“ Nochmal zur Bestätigung: Ja, das ist der Aufmacher der Zeitung, die sich selbst als „California’s Best Large Newspaper“ bezeichnet.

Ähnlich symptomatisch ein Artikel über den republikanischen Präsidentschaftsanwärter-Kandidaten Rick Perry, Gouverneur von Texas, hier die ersten beiden (von sechs) Spalten:

Der erste Absatz erzählt, dass Rick Perry auf einer Versammlung der Republikaner am Freitag sagte, das Land solle nicht den geschmeidigsten Redner wählen, sondern einen mit Erfahrung und Weitblick. Im zweiten Absatz folgt das Original-Zitat von Rick Perry: „Das Land sollte nicht den geschmeidigsten Redner wählen (…) sondern einen mit Erfahrung und Weitblick.“ Lest selbst: Der erste Absatz paraphrasiert den zweiten nicht mal, sondern benutzt wirklich genau die gleichen Worte. Und dafür braucht der San Francisco Chronicle zwei Mitarbeiterinnen.

Ich habe keine emotionale Bindung zu dem Blatt und kann deswegen sagen: Vielleicht war es doch keine so gute Idee, den San Francisco Chronicle überleben zu lassen. Falls ich hier wohnen würde, würde ich mir wohl eher die New York Times kaufen.