Archiv für Juli 2011

kompostieren

deutsche sind verschrien für ihren hang zum recycling, und das stimmt auch: immer wieder fragten mich in berlin bange besucher, welcher müll den nun in welche der vielen bunten tonnen im hof gehört. um mehr habe ich mich gefreut, dass auch die leute in new york anfangen, ihren kompost zu sammeln. wobei, zuerst habe ich mich gewundert, als mir erklärt wurde, ich müsse die bananenschale in den tiefkühlschrank tun. weil kompost so stinkt, gerade in der derzeitigen hitze, lagert er nämlich zunächst tiefgefroren. das sei auch ökologisch in ordnung, werde ich aufgeklärt: „je mehr sachen im tiefkühlschrank sind, desto weniger energie verbraucht er.“ ich bezweifle das ein bisschen, will aber nicht als mäkel-besserwessi-deutscher dastehen und bekomme sogar den ehrenvollen auftrag, am mittwoch zum union square zu gehen und die kompost-tüten dort auszuleeren. denn zuhause abgeholt wird er nicht, man muss ihn bringen, es ist alles eine private initiative. da sei eine frau am union square, die das sammle, sie sei vermutlich sogar auch deutsche. als ich ankomme, sehe ich aber nur einen öko-markt und tonnen voll (noch) tiefgefrorener kompost-abfälle. ich schütte meine dazu, schmeisse die plastiktüten in die plastiktüten-tonne daneben. that’s it. eigentlich ganz einfach.

sich kleiden

in new york kann man ja aussehen, wie man will. ich hatte philip vor der reise ein micky-maus-t-shirt geklaut, weil ich es cool fand, dann nach einem tag tragen in new york doch nicht mehr, weil alle hier statt dessen irgendwelche fancy angry-birds-shirts tragen. doch dann lief mir heute im washington square park genau das gleiche motiv über den weg, nur mit einem anderen menschen drin. und zwar einem, der der verstorbenen leslie nielsen verdammt ähnlich sieht. schluck. vielleicht gebe ich es doch wieder zurück.

erinnern

eine affenhitze, weiterhin, und besserung ist nicht abzusehen. kühlung versprechen cafés, geschäfte und die u-bahn. gestern viel mit der u-bahn unterwegs, nach fast durchwachter nacht setzte der jetlag schon nachmittags ein, ich fuhr fast sinnlos zweimal über die williamsburg bridge, weil ich auf den spuren von malte vor 10 jahren wandeln wollte. es kam auch erinnerung, aber nur wenig zum 11. september, was gerade ja eigentlich meine spurensuche ist. damals war ich mit dem fahrrad unterwegs. aber es ist viel zu heiß, die williamsburg bridge zu fuß zu überqueren. schon am mittag war ich fast sinnlos am ground zero, wo gerade der „freedom tower“ gebaut wird, mit gedenkstätten an den fundamenten der zwillingstürme und einer parklandschaft, die dieses jahr am 11. september eröffnet werden sollen. da war ich vor zehn jahren auch nie.

heute kam die erinnerung, als ich mit tompkins und washington square die orte besuchte, an denen ich damals viel zeit verbrachte, meistens mit einem buch von christopher isherwood (danke, the strand). am washington square wurde damals ein washington-gedenk-triumphbogen renoviert, und an den bauzäunen drumrum befestigten die leute nach dem 11. september zettel. zunächst waren es vermisstenanzeigen – es hatte gerüchte gegeben, dass direkte zeugen der anschläge bzw. des einsturzes der türme traumatisiert und verwirrt durch manhattan wandern könnten. und viele angehörige, gerade von feuerwehrleuten, klammerten sich verzweifelt an diese hoffnung und brachten überall bilder ihrer angehörigen an. nach und nach wurde der bauzaun aber zum ort für gefühlsäußerungen von allen möglichen leuten: warnungen vor hass, aufrufe zum frieden, aber auch ausbrüche ohnmächtiger wut und rufe nach rache. abends brannten viele kerzen. und das nicht nur am washington square, sondern auch an anderen orten, union square u.a. dort redeten die leute dann auch miteinander. einzelne redner argumentierten für oder gegen krieg, trauben bildeten sich um sie, manche diskutierten, manche hörten einfach nur zu.

bemerkenswert: in new york, wo alles so groß ist, die menschen klein und unwichtig, wo man problemlos in der masse aufgehen kann, hier traten die leute unter dem eindruck der schrecklichen ereignisse in persönlichen kontakt mit anderen menschen, redeten emotional miteinander, teilten ihren schmerz und ihre furcht.

ankommen

das abenteuer beginnt, etwas überstürzter, als ich es eigentlich wollte. aber besser in den letzten zehn tagen vor der abreise krank werden als genau zu beginn. jetzt bin ich immer noch etwas angeschlagen, verstärkt durch die flugstrapazen – obwohl es kaum glatter hätte laufen können, mit sehr angenehmer begleitung, die ab new york dann in den süden weiterflog, um dort zu white supremacy zu forschen. sogar die immigration lieft so smooth wie noch nie, ich hatte mir ja zum stichwort fingerabdrücke nehmen old-school-tinte vorgestellt, was natürlich totaler quatsch ist, wenn man mal drüber nachdenkt: einfach finger auf ein pad legen, klick, und jetzt hat mich das ministerium für mutterlandsschutz für ewig in seinen archiven.

die new yorker u-bahn ist im vergleich zu diesem high-tech-visumsdingsda wunderbar trashig, ein krasser gegensatz eigentlich. irgendwo zwischen queens und brooklyn muss ich von der express train A in die local train C umsteigen, überall blättert die farbe ab, die jugendstil-gitter vor der lüftung sind verrostet, der bahnsteig ist eng, alles stickig und heiß, die u-bahn dann dank klimaanlage so kalt, dass man die jacke wieder auspacken möchte. drinnen erinnere ich mich an vor zehn jahren, als ich das letzte mal hier war, verdammt long hair, ich war mitte 20 und das world trade center stand noch, jedenfalls am anfang.

von damals kenne ich auch matt, bei dem ich erstmal unterkomme, er verwickelt mich sofort in politische diskussionen, freut sich über berichte aus dem berliner polit-chaos und schimpft auf die neue queere szene in new york, wo alle nicht radikal genug sind. und er erzählt, dass das von ihm vor fünfzehn (zwanzig?) jahren mit besetzte haus abc no rio zwar noch besteht, aber bald in ein öko-projekt umgewandelt wird, ohne punk und ohne graffitis. er selbst hat eine hübsche und für new-york-verhältnisse super geräumige wohnung in brooklyn, an der wand hängen drei fahrräder, und er sammelt kompost für eine lokale garteninitiative – in seinem tiefkühlschrank, weil das sonst so stinkt.

ich richte mich erstmal ein, überlege strategien gegen hitzestaus (laut spiegel online sollen es 40 grad werden am wochenende), probiere skype und so aus, zack! und werde mich ansonsten zunächst mit 9/11 befassen – mit nora gomringer mache ich einen radio-beitrag für den swr, das muss noch mit sounds und eindrücken von vor ort gefüllt werden. erste station also: ground zero. zweite station: wo war ich am 11. september 2001.

p.s. und ab und zu blogge ich auch hier: http://www.abacho.de/reise-inspiration/malte-auf-weltreise/