Archiv für Dezember 2010

2x keine weihnachtsgeschichte

1. hamburg: das jugendamt wandbek hat schon vor zwei jahren der gehörlosen annette s. ihren fünfjährigen sohn weggenommen, da die frau benin-deutscher herkunft nicht kommunikations- und interaktionsfähig sei und ihren sohn nicht erziehen könne. das amtsgericht barmbek bestätigte die entscheidung und entzog der verstörten mutter im april 2010 vollständig das sorgerecht: die mutter könne aufgrund ihrer „behinderung“ und herkunft und der damit verbundenen „opferrolle“ (o-ton ihr anwalt) ihr kind nicht erziehen.

der junge kam in eine pflegefamilie, die mutter durfte ihren sohn nicht mal mit auf den weihnachtsmarkt nehmen. er bekommt sein monaten keinen gebärdensprachunterricht, so dass er der mutter noch mehr entfremdet wird. seine tante, also die schwester der mutter, würde den sohn zu sich nehmen. sie ist gelernte erzieherin und erziehungswissenschaftlerin und hat selbst einen sohn in dem alter, beide lernen gerade gebärdensprache. doch das jugendamt sagt: in diese familie will man keine kinder geben. auch der großvater, extra aus benin angereist, darf das kind nicht sehen.

nun wird prozessiert. „hier werden menschenrechte mit füßen getreten, eine behinderte diskriminiert und mit rassistischen tendenzen amtlicherseits eine familie zerstört, sagt rechtsanwalt david schneider-addae-mensah. pressebericht.

2. braunschweig, ein paar tage vor weihnachten. der sohn der lebensgefährtin meines onkels war abends in der kneipe, hat ein bisschen zu viel getrunken und zeigt einem vorbeifahrenden polizeiauto den mittelfinger. das dreht mit quietschenden reifen um und fährt ihn einfach über den haufen. er liegt nun schwer verletzt im künstlichen koma. die beamten geben zunächst an, er sei ihnen einfach so vors auto gelaufen. doch mehrere zeugen (freunde von ihm, aber auch unbeteiligte) erklären, das polizeiauto hätte in kojak-manier gewendet und sei ohne licht in den jungen mann gefahren. der vater hat nun einen anwalt eingeschaltet. pressebericht.

mechanische tiere – und marilyn manson?

irgendwie recht zufällig bin ich letztens in „mechanische tiere“ im about.blank gewesen, auf moglis abschiedsparty hatten magz und nappo davon erzählt, und weil ich eh mal dorthin wollte (bisher immer ohrentechnisch gemieden), hab ichs mir gemerkt und interessierte begleitung verpflichtet. durchs verschneite f‘hain also hingestapft (mit abstecher zu diesem veganen burger-laden am boxi), ein schöner ort (wohl im sommer schöner, wenn man den garten auch nutzen kann) im vermeintlichen niemandsland hinter dem ostkreuz (von hier aus gesehen vor dem ostkreuz, aber gefühlt trotzdem dahinter). der abend bekam schon beim beim einlass happening-charakter, es war die letzte aufführung (von drei), und weil an den vorabenden wegen ausverkauft leute nicht reingelassen wurden, war es jetzt noch voller, und alle durften rein, um sie nicht zurück in die kälte schicken zu müssen. magz bat vor beginn in einer kurzen ansprache um kuschelfreundliches zusammenrücken, und bitte nicht auf die weiße matte treten, das sei die bühne. und dann gings los, ein knapp einstündiges feuerwerk an sprüchen, floskeln aus dem leben von jungen erwachsenen, in verschiedenen situationen wie bewerbungsgespräch, anmache, liebesdrama – entsprechend dargeboten mit gleichen ritualisierten posen und bewegungen und stille dazwischen (stille: i like). man erkannte abwechselnd vorabendserie, erlauschtes gespräch in der u-bahn und sich selbst wieder, stellenweise brüllend komisch, aber dann (vor allem wegen des selbst-erkennens) auch nahegehend. vier engagierte schauspieler_innen, lustige regie-ideen (inkl. gemeinsamem posing im türrahmen), zack.

hinterher hab ich das stück gegoogelt, geschrieben von rebekka kricheldorf ursprünglich mit dem untertitel „eine hommage an marilyn manson“, weil sich der titel auf sein album „mechanical animals“ bezieht. ich hab rebekka kricheldorf angemailt, und sie schrieb mir, dass sie tatsächlich jede der 14 szenen in „mechanische tiere“ zu einem der 14 songs von „mechanical animals“ geschrieben hat. wobei man das im stück nicht mehr unbedingt merkt.

also, haltet die augen offen, wenn es nochmal irgendwo aufgeführt wird und sagt mir bescheid. ich würd nochmal hingehen.

Spon-TV über Berlusconi: 6, setzen.

Dass die Videos von Spiegel Online oft oberflächlich und sensationalistisch sind, habe ich vor anderthalb Jahren hautnah (quasi) mitbekommen. Ich war für Spon auf der Demo „Wir zahlen nicht für eure Krise“, außer mir war noch ein Spon-TV-Team dabei. Es kam zu kleinen Auseinandersetzungen mit der Polizei, weil auch ein kleiner Schwarzer Block in der Demo unterwegs war, die ich mit ein paar Sätzen abhandelte, während es mir im Text vor allem um die Forderungen bzw. Positionen der Mehrheit der Demonstrierenden ging. Auf dem Video war die Demo nur Kulisse für vermummte Autonome und rangelnde Polizisten, man bekam den Eindruck, dass sich weite Teile der Protestierenden radikalisiert hätten und nur knapp ein Blutbad abgewendet wurde.

Ähnlich ärgerlich nun die Berichterstattung zu Berlusconi. Video-O-Ton: „Mit dem Verbleib Berlusconis im Ministerpräsidentenamt sind viele vor allem junge Menschen ganz offensichtlich nicht einverstanden, wie hier in Rom protestierten landesweit mehrere tausend Menschen gegen den Kurs der Berlusconi-Führung.“ (Bilder dazu: ein Carabinieri-Wagen blockiert eine Straße (dahinter Polizisten), eine Meute Demonstranten steht davor und bewirft die Polizisten mit irgendetwas (sieht aus wie Rucksäcke).) – Sie sagen, was man „ganz offensichtlich“ eh sieht, nutzen Floskeln (was soll hier „der Kurs der Berlusconi-Führung“? – es geht um die Person Berlusconi) und gehen am Thema vorbei. Es geht doch nicht um die tausend Demonstranten (gegen Berlusconi haben schon vor Jahren Hunderttausende demonstriert, und das war den deutschen Medien meist nur einen Absatz wert), sondern um die Abstimmung im Parlament, vor der Berlusconi ganz plump einige Abgeordnete der Opposition bestochen hat. Was sagt der Berlusconi-Abtrünnige Fini? Was sagt die Opposition? Egal, Hauptsache man hat Krawalle im Bild. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734559,00.html

Nachtrag 1: Natürlich sind die Rom-Aufnahmen nicht von Spon-TV gemacht, sondern von Reuters – insofern kann es auch einfach sein, dass andere Aufnahmen einfach noch nicht vorlagen – was nicht den dümmlichen Kommentar entschuldigt.

Nachtrag 2: Offenbar kam es dann doch noch zu echten Krawallen (was aber auch nichts an der Einschätzung des Filmchens ändert).

anthroposophie-spaß mit tinnitus

letztes jahr war ich wegen tinnitus bei einem anthroposophischen arzt in dahlem. eine freundin hatte ihn empfohlen, der habe einer freundin von ihr bei tinnitus sehr geholfen. ein „echter“ mediziner mit anthroposophischem einschlag, das hatte ich noch nicht probiert, ich also hin, in eine sehr bürgerliche gegend in weitestmöglichem abstand von u- oder s-bahnhöfen. der arzt ist älter, mit verständnisvollen gesichtsfalten, ergrautem haar und brille. ich erkläre, warum ich da bin, und er braucht keine fünf minuten für die diagnose: „sie sind doch sicher kreativ! was machen sie? musik? theater?“ – ich murmle bestätigend etwas von musik, performance und schreiben, und er schneidet mir das wort ab: „und deswegen haben sie den ton! weil sie ein kreativer mensch sind!“ er fängt an, ein schaubild auf papier zu kritzeln, von zuständen zwischen schlaf und wach, in denen der kreative mensch sich befindet, schreibt unleserlich daneben, was was ist, krakelt noch ein paar pfeile hinzu und muster, die die wirrungen des tages verdeutlichen, die in der nacht verarbeitet werden, und endet mit wortreich-verwirrenden erklärungen. leider gibt es nichts nachzulesen von dem, was er so ausführlich erzählt hat, denn es sei seine eigene theorie, und wenn er es aufschreiben würde, könnten es ja andere leute als ihre theorie ausgeben. aber grundsätzlich sei es die kreativität, da könne man nichts machen, oder wolle ich lieber nicht kreativ sein? nein, na da sähe ich mal. außerdem verschreibt er mir irgendwelche globulis, davon je ein halbes dutzend morgens und/oder abends unter der zunge zergehen lassen, das könnte helfen (vielleicht auch nicht).
auch das schaubild durfte ich behalten. irgendwo müsste ich es noch haben.