ruf mich bei deinem namen

aciman: ruf mich bei deinem namen

zuerst erinnerte mich „ruf mich bei deinem namen“ unseligerweise an „die brille mit dem goldrand“ – das schrieb giorgio bassani 1958, es handelt von einem schwulen dorfarzt, der als durch und durch bemitleidenswertes geschöpf dargestellt wird: er tut alles für gesellschaftliche anerkennung, die ihm aber aufgrund seiner homosexualität versagt bleibt, am ende zerbricht er daran. also die für die zeit wahrscheinlich typische konnotation: schwul=tragisch.

„ruf mich bei deinem namen“ spielt auch in italien, ebenfalls in der vergangenheit, wenn auch nicht ganz so weit – und hier ist es der teenager-sohn, der seine gefühle zu männern entdeckt und sich in den amerikanischen studenten verliebt, der den sommer über in seinem haus wohnt. doch da ist es schon längst mit parallelen zu bassani vorbei, homosexualität als solche spielt hier eigentlich keine große rolle – es geht dem autor andre aciman um die liebe, hier vor allem um die stärke der liebe – dass sich hier ein mann in einen anderen mann verliebt, verleiht den gefühlen viel mehr tiefe, weil sich die männer gegen ihre gefühle sträuben und sie dann doch verfolgen, sich gegen die gesellschaft stellen, um sie erfahren zu dürfen. es ist vielleicht bezeichnend, dass andre aciman eine frau hat und kinder – er schreibt von verlangen, sehnsucht und liebe erstaunlich unkitschig und unprätentiös. hier ist es einfach, wie es ist. gefühle sind da oder nicht, und wenn es schön ist, dann auf beiden seiten. egal, welches geschlecht die beteiligten haben. „in diesem moment waren wir nicht mehr mann und mann, sondern mensch und mensch“. sic.

schöne, wahre sätze, subtile liebeserklärungen mit vielen worten (die ich so wohl nicht verstanden hätte), poetisch-philosophisches geschwurbel: „Ich wusste, dass die gemeinsamen Minuten gezählt waren, aber ich traute mich nicht, sie zu zählen, so wie ich auch wusste, wohin der Weg führte, es aber nicht wagte, die Meilensteine abzulesen.“ – schön. best book 2009.