Archiv für Februar 2010

„tender to all gender“

Interview mit Christiane Stephan und Tim Stüttgen vom Magazin Hugs&Kisses.

Hugs&Kisses #5Warum macht ihr diese Zeitschrift?
Christiane: Als ich die Hugs&Kisses vor zwei Jahren gründete, wollte ich eine Plattform für das queere Kreative schaffen: also bildende Kunst, Musik, Literatur und Film verbinden, und sich dabei auf die Suche nach Glamour und Bewegung in Gender-bezogenen Realitäten machen – und das alles abseits des Mainstream.
Tim: Christiane hat mich Anfang des Jahres gefragt, ob ich in die Redaktion einsteigen möchte, und ich musste nicht lange überlegen: Hugs&Kisses ist eines der wenigen schönen Hefte der neuen queer-Generation auf Deutsch, welches sich konkret um queere Politik und Subkultur dreht, und nicht um Identitätspolitik.

Was hast du denn gegen Identitätspolitik?
Tim: Identitätspolitik ist nicht schlecht, sie ist dringend notwendig und relevant. Es gibt in der queeren Subkultur (auch politische!) Subjekte und Positionen, die viel komplexer sind, als es eine Identität ausdrücken kann. Und das finde ich deswegen viel interessanter.

Was soll der Name „Hugs and Kisses“?
Christiane: Der hat mir einfach gefallen. Die Unterzeile „tender to all gender“ ist aber wichtiger, sie heisst für mich, dass wir jenseits aller Zuordnungen von „Er“ und „Sie“ agieren. Mir ist es wichtig, alle Geschlechter mit einzubeziehen

Was soll die Hugs&Kisses erreichen?
Christiane: Ich möchte mit der „Hugs and Kisses“ eine Vielfalt von queerer Bewegung aufzeigen. Hugs and Kisses berichtet über diese Bewegung. Dabei begreife ich Queer immer als eine politische Identität.
Tim: Die Welt verändern. Was sonst! Das lohnt sich selbst bei 0,1 Prozent anhand des Blödsinns, mit dem wir Tag für Tag konfrontiert werden. Wichtig ist mir dabei besonders Toleranz und Kollektivierung. Dafür müssen primär die Heteronormablöden sich ändern, ein bisschen weniger Dogmen täten aber auch den homosexuellen Szenen manchmal gut. Ausserdem bin ich als Transvestit sehr stark mit der Transgenderbewegung und deren Kampf für Gleichberechtigung oder gar Geschlechterrevolution identifiziert. Weil die queere Welt eine der ganz ganz wenigen ist, in denen diese Ideen und Identitäten Platz haben, fühle ich mich bei Hugs&Kisses doppelt wohl.

Hugs&Kisses #4Was war bisher das Schönste an der Zeitschrift?
Christiane: Ich freue mich immer, wenn wir aus aller Welt ein Feedback bekommen – das reicht von Frankreich bis Afrika. Aus diesem Anlass haben wir unser viertes Heft zum Schwerpunkt „Queer International“ gemacht. Und als Fotografin liegen mir natürlich immer die verschiedenen Fotostrecken am Herz, die dann immer ein wichtiger Schwerpunkt im Heft sind: in der aktuellen Ausgabe zu „Queer Cinema“. Die Ideen und Konzepte werden dann zusammen mit der Fotografin Andrea Preysing, mir und der Stylisten Manu Wolf ausgetüffelt, produziert und über 7 Seiten präsentiert. Dabei lernen wir sehr viele spannende Menschen kennen, unsere Models kommen ja alle auch aus dem queeren Umfeld. Das ist viel Arbeit, macht aber auch sehr viel Spaß.
Tim: Für mich ist die Hugs&Kisses ein Sammelplatz für die Generation geworden, die die Privilegien hatte, mit den Erfahrungen und Kontexten homosexueller und feministischer Subkulturen aufzuwachsen. Deswegen bildet Hugs&Kisses die Selbstverständlichkeit der queeren Generation ab, Sachen etwas anders und schöner als sonst zu machen. Dafür hat Hugs&Kisses Respekt in der queeren Popkultur bekommen. Und ohne den geht es eh nirgendwo hin für das, was wir wollen. Ausserdem ist bei einem heft wie H&K, das aus Liebe gemacht wird und auch nicht mit schlechtem Layout daherkommt, erstmal das strukturelle Überleben und gute Feedback der Leser_innen schon ein Erfolg. Wenn dabei auch ein paar Leute inspiriert worden sind, die vorher auf dem Geschlechterauge eher blind waren, um so feiner.

Hugs&Kisses #5, Schwerpunktthema Queer Film, erschienen im Oktober 2009, 100 S. A5, 4 Euro, Verkaufsstellen und Bestelladresse unter http://www.hugsandkissesonline.de

we are all in the gutter, but some of us are looking at the stars

„Wir liegen alle in der Gosse, aber manche von uns betrachten die Sterne.“ – Lady Windermeres Fächer, 3. Akt / Lord Darlington, Oscar Wilde – http://theculturalgutter.com/ – ich weiß nicht mehr, wo ich es las, aber irgendwo stand, dass es zwei möglichkeiten gibt, ein erfülltes, glückliches leben zu führen. entweder du bleibst in der ackerfurche. oder du betrachtest alles von oben. meinte das lord darlington?

ruf mich bei deinem namen

aciman: ruf mich bei deinem namen

zuerst erinnerte mich „ruf mich bei deinem namen“ unseligerweise an „die brille mit dem goldrand“ – das schrieb giorgio bassani 1958, es handelt von einem schwulen dorfarzt, der als durch und durch bemitleidenswertes geschöpf dargestellt wird: er tut alles für gesellschaftliche anerkennung, die ihm aber aufgrund seiner homosexualität versagt bleibt, am ende zerbricht er daran. also die für die zeit wahrscheinlich typische konnotation: schwul=tragisch.

„ruf mich bei deinem namen“ spielt auch in italien, ebenfalls in der vergangenheit, wenn auch nicht ganz so weit – und hier ist es der teenager-sohn, der seine gefühle zu männern entdeckt und sich in den amerikanischen studenten verliebt, der den sommer über in seinem haus wohnt. doch da ist es schon längst mit parallelen zu bassani vorbei, homosexualität als solche spielt hier eigentlich keine große rolle – es geht dem autor andre aciman um die liebe, hier vor allem um die stärke der liebe – dass sich hier ein mann in einen anderen mann verliebt, verleiht den gefühlen viel mehr tiefe, weil sich die männer gegen ihre gefühle sträuben und sie dann doch verfolgen, sich gegen die gesellschaft stellen, um sie erfahren zu dürfen. es ist vielleicht bezeichnend, dass andre aciman eine frau hat und kinder – er schreibt von verlangen, sehnsucht und liebe erstaunlich unkitschig und unprätentiös. hier ist es einfach, wie es ist. gefühle sind da oder nicht, und wenn es schön ist, dann auf beiden seiten. egal, welches geschlecht die beteiligten haben. „in diesem moment waren wir nicht mehr mann und mann, sondern mensch und mensch“. sic.

schöne, wahre sätze, subtile liebeserklärungen mit vielen worten (die ich so wohl nicht verstanden hätte), poetisch-philosophisches geschwurbel: „Ich wusste, dass die gemeinsamen Minuten gezählt waren, aber ich traute mich nicht, sie zu zählen, so wie ich auch wusste, wohin der Weg führte, es aber nicht wagte, die Meilensteine abzulesen.“ – schön. best book 2009.