Archiv für August 2009

mit der wahlfahrt in sigmaringen

Sigmaringen empfängt uns mit reichhaltigem Frühstück und viel Sonne – Hohenzollernwetter nennt man das hier, lernen wir. Dank tatkräftiger Hilfe der Gastgeber können wir uns mit Tisch und Sonnenschirm in der Fußgängerzone aufbauen, als erfolgreiche Platzhalter, bis am Nachmittag der der Wahlfahrt-Wagen aus Konstanz eintrifft.

Tagsüber Stadt kennenlernen. Als Stringer konnten wir die Journalistin Ute Korn-Amann von der Schwäbischen Zeitung gewinnen, die uns rumführt und Leuten vorstellt. Über Gastgeberkontakte bekommen wir spontan noch einen Termin beim Landrat, vielen Dank an Frau Gaerte an dieser Stelle für die Vermittlung! Paula besichtigt das Schloss, Anwohner schauen beim Stand vorbei, nachmittags noch ein Termin beim stellvertretenden Bürgermeister Herrn Aßfalg.

Sonst ist Sigmaringen ein recht lauschiges Städtchen: oben ragt majestätisch das Hohenzollern-Schloss, an dessen Fuß drängt sich ein Ort mit Fußgängerzone. Hier sind lauter Hoflieferanten, wie Hofapotheke, Hofbäckerei und Hoftheater. Vom Rathaus guckt grimmig Sigmaringens sagenhafter Gründer Ritter Sigmar in die Gegend. Man könnte meinen, er schaue zum Schloss, doch die Wahrheit sei aber, dass er auf einen Tisch des Café Seelos starre, weil dort der Lieblingsplatz des Bildhauers gewesen sei. Wobei wir angesichts der Kaffee-Qualität den grimmigen Blick nicht nachvollziehen können.

Bei Streifzügen durch die Stadt entdecken wir oberhalb der sehr engen, nach einem, sagen wir: „kräftigen“ französischen Feuerwehrmann benannten Treppe „Escalier Jean-Pierre le fort“ (ob er stecken blieb oder nicht ist allerdings umstritten), ein blödes Graffiti mit einem stilisierten Grinse-Hitler (den man für Adbusting oder ironisch halten könnte, wenn nicht daneben dumpfe Nazi-Parolen geschmiert wären), kommen an Sigmaringens Tätowierladen mit dem bezeichnenden Namen „Aua-Studio“ vorbei, bestaunen die Wiege des Heiligen Fidelis, in der alle Sigmaringer Kinder geschaukelt werden (sollten), weichen Fahrradtouristen aus und spucken in die Donau, unter der uns Geheimgänge versprochen werden, von denen dann aber doch wieder niemand etwas gewusst haben will. Doch dass es sie gibt, ist für uns klar: Allzu märchenschlossartig ragt Schloss Hohenzollern über der Donau empor.

Abends gibts Pizza, noch mehr Hintergrundgespräche und Redaktionssitzung bis spät, um die Verfahren und Methoden zu optimieren. Fazit meines ersten Tages: Von 9 Uhr bis 23 Uhr in Sachen Wahlfahrt unterwegs. Puh!

mehr: wahlfahrt09.de

4 seiten einer nachricht

die nachricht in einer zeitung oder sonstwelchen medien hat eigentlich vier seiten – aber es wird immer nur eine mitgeteilt: was passiert ist. die anderen drei seiten fehlen meist: was dazu geführt hat, die entwicklungen; wie der_die journalist_in auf die nachricht kam; und was man nicht weiss.
die volle info hier:

http://www.newsless.org/2009/08/the-3-key-parts-of-news-stories-you-usually-dont-get/

wahlfahrt-interview

ich werde auf motorfm über die wahlfahrt interviewt:

http://www.motorfm.de/wort/wahlfahrt09-nazi-flashmob-und-renter-in-gorlitz/

ansonsten mehr infos zur wahlfahrt: wahlfahrt09.de

ukraine: lviv, ivano-frankivsk

flughafen lviv
flughafen lviv vom rollfeld aus

vier tage ukraine: lviv, ivano-frankivsk, yaremcha, lviv. noch nie da gewesen. das flughafengebäude in lviv gleicht eher einem bahnhof. ein junger uniformierter mit tellermütze, wie sie damals an der glienicker brücke saßen, verteilt die einreisenden auf die vier passkontroll-schalter. bedrohlich? er beäugt mein einreiseformular, seine miene hellt sich auf. „good! good! go here!“ – ich habe alles richtig ausgefüllt. bei einem franzosen daneben, wird mir später berichtet, beschwert er sich, dass der keine zieladresse eingetragen habe. aber er habe keine, sagt der franzose. der uniformierte rät „hotel lviv“ einzutragen. so einfach. dann das gepäck holen: es gibt kein gepäckband. die koffer liegen in einem raum rum, durchs fenster werden immer neue nachgereicht. funktioniert.

während der fahrt nach ivano-frankivsk ein bisschen nachwende-gefühl. schlaglöcher, verblichene farben, alles etwas kaputt und geflickt und doch funktionstüchtig wie in der ddr. die fahrt geht an einem see vorbei, an dem viele leute angeln. vier überdimensionierte schornsteine ragen am straßenrand empor, ein kraftwerk. der see sei extra gestaut worden, um kühlwasser für das kraftwerk zu haben, sagt der fahrer. es gebe zwei kanäle, einen mit kaltem wasser zum kraftwerk hin, einen mit warmem wasser vom kraftwerk weg. hier laichen die fische zweimal im jahr, erfahren wir. deswegen die vielen angler.

nach einem schokoladen-stopp, einem eiskrem-stopp, mehreren fast überfahrenen gänsen und hunden ist ivano-frankivsk erreicht. ein altes stadtzentrum, plattenbauten in den vorstädten. oder: plattenbau-ähnliche häuser aus ziegeln, viel umwachsener von grün, als man es aus deutschland kennt, älter. ivano-frankivsk hieß früher stanislau, doch die sowjets haben es in den 50ern oder 60ern umbenannt. bis dahin gab es noch antisowjetische und nationalukrainische freischärler in den karpaten, die gegen die sowjets kämpften. die benennung der stadt nach dem ukrainischen nationaldichter ivan frank(o) war teil einer pro-ukrainischen appeasement-politik, um dem widerstand die unterstützung zu entziehen.

heute ist ivano-frankivsk eine untouristische, unaufgeregte stadt. der lonely planet rät, durch die stadt zu reisen, zum verweilen lade nicht viel ein, sie eigne sich viel mehr als basis für karpatentouren. stimmt schon: das zentrum hat man an einem tag durch, rathaus, kirchen, markt, synagoge. letztere frisch renoviert, mit einem ebenso frisch davor geklatschten denkmal für die freiheitskämpfer gegen die sowjetherrschaft, die nebenbei auch ein paar progrome an juden verübten. antisemitismus gebe es offiziell nicht, erklärt der rabbi und guckt vieldeutend. ansonsten lustige kommunikation: jemand fragt auf deutsch, ein anderer übersetzt es auf englisch, dann gastgeberin olga auf ukrainisch. und der rabbi antwortet auf jiddisch.

„Ruhm“ von Daniel Kehlmann

Mir ist im Nachhinein erst wieder aufgefallen, dass das Buch ja auch „Ruhm“ heißt, nachdem ich schon ein kritisches Fazit gezogen hatte. Denn Kehlmann ist mit seiner „Erfindung der Welt“ das bestverkaufte Buch der letzten Jahre gelungen, das mit etwas spröder Sprache und genialistischen Eingebungen besticht. Kehlmann wurde als junger, vielversprechender Autor herumgereicht, von Frauen gejagt, auf der Straße erkannt, in Goethe-Institute nach Sibirien und Südamerika geschickt. Genau das alles verarbeitet „Ruhm“ in zehn Kurzgeschichten. Es geht immer um Kehlmann selbst, der sich minimal abändert: Mal ist er ein erfolgreicher und bekannter Schauspieler, dann die Freundin des zerstreuten und launischen Starschriftstellers, dann eine Schriftstellerin auf Reisen, dann ein Fan des Starschriftstellers oder des Schauspielers. Es dreht sich alles um ihn selbst, und man könnte meckern, dass sich so bewahrheitet, dass ein Schriftsteller am ehesten sein eigenes Leben und eine eigenen Erfahrungen verarbeitet. „Ruhm“ legt das nahe. Wobei „Die Erfindung der Welt“ eigentlich der Gegenbeweis ist. Und auch der Beweis dafür, dass weniger dicht am Autor geschriebenes Werk durchaus besser sein kann.