Gomringers über das Verständnis von Kunst

Nora und eugen gomringer
Nora und Eugen Gomringer

Manchmal behaupten Leute, sie könnten mit Lyrik oder Kunst allgemein nichts anfangen, weil es nichts in ihnen auslöst, sie nicht bewegt oder berührt. Können Sie das nachvollziehen?

Eugen Gomringer: Das hat etwas, aber es bietet einen Einspruch: Es braucht auch eigene Erfahrung und eigenes Wissen. Es kann nicht jemand kommen und sagen, ein Bild der Konkreten Kunst gefällt mir nicht. Da muss ich fragen: Kennen Sie die Linie als Gestaltungsmittel? Wenn ja, dann können wir diskutieren, dann kann er sagen, ihm gefällt die Linie nicht, aber so weit muss er kommen. Ich verlange immer, dass jemand etwas weiß, wenn er etwas kritisiert.

Nora Gomringer: So ein gefühlsmäßiges Urteil – was ist denn das für ein Urteil? Ich gehe davon aus, dass sich ein Künstler etwas gedacht hat bei seiner Arbeit, und wenn mir ein Bild oder ein Gedichts nichts sagt, würde ich eher selbst-reflexiv denken, ich hätte die Trigger davon nicht verstanden. Die Postmoderne verlangt eben auch, dass du bestimmte Dinge kennst, um andere Dinge wertschätzen zu können. Wenn man da nach einem Geschmacksurteil geht – da würde so viel sofort durchfallen! Das kann man sich gar nicht mehr erlauben!

Eugen Gomringer: Es gibt drei Schritte: Geschmack, Wissen, Geschmack. Der erste kam im 18. Jahrhundert, im 19. kam Wissen, im 20. dann wieder Geschmack. Man muss also das Wissen dazwischen einbauen. Das war der große Schritt von Kant zu Hegel, der hat den Fachmann eingeführt, der beschreiben kann, wie ein Bild ist. Deswegen sind wir Konkreten so ungemein auf Hegel abgefahren.

Nora Gomringer: Wie mein Vater sagt, dem abschließenden Geschmacksurteil muss Wissen vorangehen. Und das fehlt leider zu oft. Wenn Leute in das Museum für Konkrete Kunst meines Vaters stolpern und sich wundern, dann kann man nur sagen, das ist schon historisch hier! Leute, geht doch mal nach Berlin in die zeitgenössischen Galerien, das ist abgefahrener Quatsch! Diese geometrische und mathematische Kunst ist doch uralt! Aber für die ist es total abgefahren, ein Strich, aha, Fibonacci-Zahlensystem, wow, weil sie es alle noch nie gehört haben und es sich in Anwendung nicht vorstellen können. Inger Christensen, eine großartige Dichterin, die leider gerade gestorben ist, hat das Fibonacci-Zahlensystem in Gedichtreimen und –formen umgesetzt. Da tun alle, als wäre das so neu und so besonders!