Archiv für Januar 2009

el snyder & charly mcwhite

gestern dahin gegangen, wo es (mir) wehtut: das quasimodo. jazz finde ich ganz langweilig, kann das fünf minuten genießen, muss danach aber wegrennen oder einschlafen. es soll ja so die freude an unkonventioneller musik sein, aber es hat eher etwas von alte leute stellen sich vorne hin, quälen einen mit langen soli (=selbstfeierungen) und improvisierten banalitäten, die eher an bandprobe als konzert erinnern. so ähnlich war es auch gestern. nur dass helge schneider dabei war. ich bin mir nicht sicher, ob es ein allgemeinplatz ist, dass der als (ernsthafter) jazzer angefangen hat und dann merkte, dass seine zwischenmoderationen viel besser ankommen als die jazzstücke selber und so das eine nach und nach das andere ersetzte. so geht jedenfalls die legende, und ich muss sagen: extrem plausibel. so war es gestern auch. helge jazzt, mit ihm ein benickelbrillter alter bassist, der bei seinen solo-einlagen seine töne mitsingt, und ein ebenfalls älterer schlagzeuger, der aus senioritätsgründen nur ganz langsam auf die bühne geht, hinter ihm sein jüngster sohn oder enkel oder zivi, um ihm zu assistieren – der dann aber am schlagzeug sichtlich aufblüht. immerhin ein paar herzenspunkte. darüber hinaus jedoch hätte man für mich bass und schlagzeug komplett streichen können. das hat alles jazz-patina oder diesen schleimigen überzug, den kochbücher kriegen, wenn sie zu lange in der küche rumstehen (aus küchendämpfen und staub), an dem noch mehr staub kleben bleibt. helge schneider dagegen und das klavier, helge schneider und das mikrophon, helge schneider und das publikum, egal was – das funktioniert einfach. anfangs sparsame ansagen, schließlich soll der jazz im vordergrund stehen, die vom publikum um so dankbarer angenommen werden, und später immer mehr, und wirklich schön ist das ganze, als ein kleines kind auf der bühne herumläuft und von helge ans klavier gehalten wird, etwas klimpert, und helge schneider es nachspielt, dann aber mit den hinweisen „kinderarbeit ist verboten“ und „es gibt auch sowas wie eifersucht!“ das kind hinter die bühne gibt. „eigentlich sollte sie tennis-star werden.“ und dann halt die helge-klavier-improvisationen, can-can auf klavierperlig, gehackte shanties – und mit „schöner gigolo, armer gigolo, denke nicht mehr an die zeiten“ spielt helge sich und seinen jazz-kumpanen einen abgesang. wunderschön. dann.

gaza-krieg in deutschland

gerade gestern mit einem freund über israel und gaza diskutiert, und bei aller ablehnung von angriffen einer überlegenen militärmacht gegen zivilbevölkerung (und auch einer terrorgruppe gegen zivilbevölkerung) waren wir uns einig: ein mulmiges gefühl, wenn dazu aufgerufen wird, israel zu boykottieren, oder wenn deutsche meinen zu besserwissen, wer im nahen osten welche zugeständnisse machen sollte und wer aus dem holocaust was zu gelernt haben sollte. ganz gut beschreibt das reinhard mohr auf spiegel online in einem text über plasbergs gaza-talk (den ich wohl glücklicherweise nicht gesehen habe). lesenswert.

Gomringers über das Verständnis von Kunst

Nora und eugen gomringer
Nora und Eugen Gomringer

Manchmal behaupten Leute, sie könnten mit Lyrik oder Kunst allgemein nichts anfangen, weil es nichts in ihnen auslöst, sie nicht bewegt oder berührt. Können Sie das nachvollziehen?

Eugen Gomringer: Das hat etwas, aber es bietet einen Einspruch: Es braucht auch eigene Erfahrung und eigenes Wissen. Es kann nicht jemand kommen und sagen, ein Bild der Konkreten Kunst gefällt mir nicht. Da muss ich fragen: Kennen Sie die Linie als Gestaltungsmittel? Wenn ja, dann können wir diskutieren, dann kann er sagen, ihm gefällt die Linie nicht, aber so weit muss er kommen. Ich verlange immer, dass jemand etwas weiß, wenn er etwas kritisiert.

Nora Gomringer: So ein gefühlsmäßiges Urteil – was ist denn das für ein Urteil? Ich gehe davon aus, dass sich ein Künstler etwas gedacht hat bei seiner Arbeit, und wenn mir ein Bild oder ein Gedichts nichts sagt, würde ich eher selbst-reflexiv denken, ich hätte die Trigger davon nicht verstanden. Die Postmoderne verlangt eben auch, dass du bestimmte Dinge kennst, um andere Dinge wertschätzen zu können. Wenn man da nach einem Geschmacksurteil geht – da würde so viel sofort durchfallen! Das kann man sich gar nicht mehr erlauben!

Eugen Gomringer: Es gibt drei Schritte: Geschmack, Wissen, Geschmack. Der erste kam im 18. Jahrhundert, im 19. kam Wissen, im 20. dann wieder Geschmack. Man muss also das Wissen dazwischen einbauen. Das war der große Schritt von Kant zu Hegel, der hat den Fachmann eingeführt, der beschreiben kann, wie ein Bild ist. Deswegen sind wir Konkreten so ungemein auf Hegel abgefahren.

Nora Gomringer: Wie mein Vater sagt, dem abschließenden Geschmacksurteil muss Wissen vorangehen. Und das fehlt leider zu oft. Wenn Leute in das Museum für Konkrete Kunst meines Vaters stolpern und sich wundern, dann kann man nur sagen, das ist schon historisch hier! Leute, geht doch mal nach Berlin in die zeitgenössischen Galerien, das ist abgefahrener Quatsch! Diese geometrische und mathematische Kunst ist doch uralt! Aber für die ist es total abgefahren, ein Strich, aha, Fibonacci-Zahlensystem, wow, weil sie es alle noch nie gehört haben und es sich in Anwendung nicht vorstellen können. Inger Christensen, eine großartige Dichterin, die leider gerade gestorben ist, hat das Fibonacci-Zahlensystem in Gedichtreimen und –formen umgesetzt. Da tun alle, als wäre das so neu und so besonders!

Nora Gomringer über Inspiration

hier quasi als teaser aus einem interview mit nora gomringer und ihrem vater eugen gomringer, das ich gerade abtippe. nora spricht über künstlerische inspiration:

„Eigentlich muss man sich als Dichter ja gegen Inspiration wehren. Alles, was sich einem sofort aufdrängt, das ist vernachlässigbar. Wenn etwas dir sofort eingeht, weil es für alle da steht, könnte auch von allen bearbeitet werden. Wenn mein Vater sagt, er braucht manchmal zehn Jahre für ein Gedicht, dann ist das lange gereift. Ich bin dankbar, wenn etwas so lange ruhen darf. Ich bin oft gezwungen, schnell zu produzieren, da klaubt man Themen zusammen, man bemüht sich. Aber die Inspiration darf nicht so durchscheinen! Ich bin nicht interessiert an Literatur, wo mir die Inspiration ins Gesicht springt. Das finde ich ganz unangenehm! Wenn mir ein Gedanke kommt, schreibe ich ihn auf, und dann lasse ich es auch lange liegen, und schon beim zweiten Nachgucken ist es nicht mehr diese Intuitiv-Reaktion. Dann kann ich vielleicht etwas damit arbeiten. Aber: Es hüte sich jemand, in dem Moment, in dem er etwas empfindet, dann etwas Künstlerisches daraus zu machen. Das ist zu eins zu eins! Das können sich Musiker leisten! Aber Autoren nicht.“

festival queer beats, münchen

10 jahre candy club, thomas lechner organisiert sich ein festival mit seinen derzeitigen lieblingsbands – und anderthalbtausend leute feiern mit. ich auch. weil jutta noch ein und noch ein bier trinkt und der kilombomensch vergisst, uns ein taxi zu rufen, kriege ich nur noch den letzten song von beisspony mit – und den auch nur mit einem halben ohr, weil es echt schwer ist, ins cafe der muffathalle vorzudringen. zu viele leute. dabei ist es erst zehn. bei scott matthew wirds raummäßig nicht besser, hätte auch keiner erwartet. das publikum lauscht gebannt, aber ich quetsche mich auf zehenspitzen und wein balancierend wieder raus, weil ich charli xcx nicht verpassen möchte, die mit vorschusslorbeeren bedacht wurde (bei jetzt.de, hüstel). sie singt ihre eingängigen kindderreime, hüpft über die bühne, die menge geht ab und macht mit ihr sogar den dinosaurier.

wieder vorzeitig weg, um dance yourself to death zu sehen. die sind aus toronto und wirken etwas eingeschüchtert auf der großen bühne der muffathalle, aber kein wunder, ihr erstes konzert in europa und dann gleich da! sind aber gut. weiter im auge behalten. und wieder weiter, the ballet aus new york: der sänger ist milchbubi-unscheinbar, ich vergesse sein gesicht sofort, wenn ich woanders hinschaue, die bassistin steht wie festgewachsen, der keyboarder grinst ab und zu, weil er sich verspielt und es sein erstes konzert mit der band ist. plätschert so vor sich hin, ganz nett, aber etwas lahm, denke ich. doch dann sind es ausgerechnet die vermeintlich belanglosen songs von the ballet, die an den nächsten tagen in meinen ohren nachhallen. die schwulen belle&sebastian, der unprätentiöse queer-indie-soundtrack für den nachmittag. schön.

irgendwo treffe ich wieder auf jutta, sie schleift mich ins backstage, ich erzähle dj tobias thomas dort erfolglos meinen lieblingswitz. er schmunzelt nicht mal, also schnell weiter in die große halle zu stereo total. schon öfters gesehen, ich will eigentlich was zu trinken holen, aber kann mich nicht losreissen und springe auf die bühne, als brezel anfängt, die leute hochzuhieven. ganz charmant, ganz große show. so muss pop sein. oder wie bei my robot friend, auch wieder aus new york. die sind zu zweit, einer steht hinten und haut elektro-beats aus dem computer, der andere steht vorn in einem spacigen leucht-blink-anzug. bewegt sich roboterhaft, verzerrt seine stimme, filmt sich selbst mit einem kameraball, was hinter ihn auf die wand projiziert wird. geniale performance. und der anzug sicher ganz schön schwer.
dann bis in die morgenstunden party, thomas spielt best of candy, leute treffen, zu nic durchs kalte münchen, ein paar stunden schlaf und der triebwagengeschädigte bummel-ice nach berlin…

www.myspace.com/candy_club
www.candyclub.de