Archiv für Dezember 2008

larcenet vs. larcenet

larcenet vs. larcenet: fiktion besser als real life?
„der alltägliche kampf“ gegen „die rückkehr aufs land“

unklar, wie es dazu kam, dass manu larcenet (donjon, kosmonauten der zukunft..) ungefähr gleichzeitig zum gleichen thema zwei comics zeichnet: „der alltägliche kampf“ als fiktion, „die rückkehr aufs land“ als real-life-protokoll, beide 2008 erschienen (im vierten bzw. ersten band). beide bücher handeln von einem jungen kreativen mit dreitagebart (fiktiv fotograf bzw. real comiczeichner), der aufs land zieht, dort mit seiner freundin wohnt, dann ein kind bekommt. beide haben die gleichen selbstzweifel und fragen ans leben, die gleiche angst vor bindung als freund/ehemann/vater. beide comics sind allein schon durch diese parallelen deutlich autobiographisch, auch wenn larcenet das für den „alltäglichen kampf“ zurückweist.

unter kreativen ist die formel beliebt: wenn du dir nichts mehr ausdenken kannst, nimm das wahre leben. sometimes truth is stranger than fiction, sang greg graffin mitte der 90er in mein gehirn, auch ralf könig hat das erfolgreich erprobt. hier aber: funktionierts nicht. jedenfalls nicht komplett. das real life mit der rückkehr aufs land (wieso eigentlich „rückkehr“?) besteht aus strips, also aus oft in sich geschlossenen dreibildhandlungen. zwar vor einem gemeinsamen ländlichen hintergrund und mit dem grundsätzlichen handlungsstrang: pärchen aus der stadt gewöhnt sich ans landleben. aber gerade weil es autobiographisch ist, geht es nicht in die tiefe. der bruder von larssinet (wie er sich hier nennt) taucht auf, die freunde aus der stadt, aber keine eltern, keine hintergründe. es geht zwar um manu larcenet, aber auch wieder nicht richtig. sowieso hat der echte larcenet auch nur gezeichnet, das storyboard ist von jean-yves ferri, seinem redakteur, der mündliche erzählungen und anekdoten larcenets umsetzt. manu larcenet in persona will nicht zu viel über sich preisgeben, gibt auch keine interviews.

und genau dieses preisgeben-problem hat larcenet beim teilweise fiktiven „alltäglichen kampf“ nicht. hauptfigur marco darf psychische probleme haben und zum psycho-doc gehen, darf die ambivalente beziehung zu seinen eltern ausbreiten, sich mit dem begriff von heimat beschäftigen, alte kindheitsrituale haben etc. – darf ein mensch sein in allen facetten, mit stärken und schwächen. dank fiktiver aufhübschung und dramatisierung eines höchstwahrscheinlich autobiographischen settings. da kann die „rückkehr aufs land“ nicht mithalten, und man fragt sich, wieso es auf französisch schon die fünfte fortsetzung davon gibt. zwar zeigt der „combat ordinaire“ (der französische originaltitel klingt irgendwie besser) in seinen vier bänden (erster band selbstbetitelt, dann belanglosigkeiten, kostbarkeiten, gewissheiten) tatsächlich alltägliche probleme – aber so charmant und rund und spannend, dass das nicht auffällt. vielleicht ist das normale leben doch spannend – man muss es nur erzählen (wollen).

le site officiel de manu larcenet
larcenet bei seinem dt. verlag reprodukt
artikel über larcenet bei zoomer.de

gelesen: kirsten fuchs

ich habe kirsten fuchs vor ein paar jahren bei einer lesebühne gesehen bzw. erlebt (den „erfolgsschriftstellern im schacht“ im „bergwerk“ in mitte), und dachte mir: den namen merkst du dir (genau wie ihre redewendung „ich litt an geistiger zerzausung“). jetzt bei der faz ihr buch „heile heile“ gefunden und in drei tagen durchgelesen. der text auf der buchrückseite hätte mich fast in die flucht geschlagen: „liebeskummer, lebenslust und eine bedrohliche krankheit – kirsten fuchs erzählt vom erwachsenwerden jenseits der dreissig.“ und viel mehr ist es auch nicht. keine tiefe literatur, aber eine ganz schöne alltagsgeschichte. adrian trennt sich von rebekka, weil sie mit ihrem ex „fremdgegangen“ ist. rebekka kommt damit schlecht zurecht, sucht sich hilfe bei freund_innen und in einer selbsthilfegruppe. ihre beste freundin jette hat krebs.
kirsten fuchs‘ spezialität sind die worte, die kleinen formulierungen, die umgewendeten redewendungen. das stellt sie in eine reihe mit angelika schrobsdorff und kurt tucholsky. kirsten fuchs schafft es, mit ihrer sprache und erzählweise eine lockerheit zu erzeugen, die einen über eine vermeintlich langweilig-alltägliche story hinweghebt. und die dem thema „trennung“ auch seine verdrießlichkeit nimmt. manchmal ist es zwar eine wendung zu viel, aber es ist kirsten fuchs hoch anzurechnen, dass sie nicht aussteigt, wenn es schwierig wird. der krebstod der besten freundin hätte einen ausstieg aus dem buch bedeutet, aber kirsten fuchs bleibt dran, und auf einmal ist die beinahe-heitere trennungsgeschichte eine fabel über vergänglichkeit und wertsetzungen.
kirsten fuchs, merkt euch den namen.

nachtrag: locas in münchen

die Glühbirne als kulturelles Gut

Nachdem irgendwann zuletzt die Frankfurter Rundschau mit einem larmoyanten Abgesang auf die kulturelle Instanz „Glühbirne“ gehörig genervt hat, legte vor ein paar tagen die faz nach. Auch hier wird die Glühbirne zum Kulturgut erhoben und zum quasi-natürlichen „Gegenspieler der Sonne“ biologisiert, in dessen Licht einzig die Gemälde und Fotografien des Jetzt angemessen gewürdigt werden könnten – nicht jedoch im kalten Licht (bzw. „kälter als kalt… es ist tot“) von Energiesparlampen. Der Pragmat in mir verdreht die Augen über die Ignoranz gegenüber der eindeutigen Energiebilanz und will den Autoren Ebay-Lampenschirm-Links schicken. Zumal als Lösung des Öko-Dilemmas das banale „Die Sparsamkeit der Glühbirne liegt in der Zeit, in der sie nicht brennt“ präsentiert wird. Und dann noch totschlagargumentmäßig: Da sei es sinnvoller, die Spülmaschine einmal weniger laufen zu lassen. Touché? Zack! – Alles nur Peanuts. Ich wünsche mir ein Schlauchboot zu Weihnachten.

der storch heinar

wer sich über die proto-nazi-kleidung von thor steinar ärgert, hat jetzt eine alternative: nämlich storch heinar. eine initiative von endstation rechts. voll gut. mehr hintergrund hier (spiegel online) (sic!).

locas in love: plauderesk

ich war eh nicht zum spaß in münchen, wollte mir aber den prüfungsgeprägten kurzaufenthalt nicht zusätzlich durch zwang zu event-berichterstattung vermiesen. sondern ganz entspannt als privatmensch das konzert von locas in love im atomic café besuchen. also auch nichts mitschreiben, aber dieses eine wort, das musste ich mir einfach notieren: das wundervolle „plauderesk“ aus dem munde von sänger björn sonnenberg. und wenn ich das hier schon so erwähne, kann ich auch gleich vom ganzen konzert erzählen.

björn entschuldigte sich mit diesem wort nämlich beim publikum für vermeintlich zu lange ansagen zwischen den songs, aber irgendwie fühle er sich nun mal so wohl, und da werde er eben „plauderesk“. das wohlfühlen beruhte vollkommen auf gegenseitigkeit. es war ein ganz reizendes konzert. nicht zu laut, fast mit cafehausatmosphäre dank bestuhlung (und betischung), ein wenig feierlich und sehr unterhaltsam. nicht aufdringlich, mit abwechlsungsreichen krachperioden und rockerposen, die aber mühleos über die zwischenmoderationen aufgelöst wurden. überhaupt die moderationen: zu plauderesk konnte björn gar nicht werden. die pausen waren zwar notwendig, um häufige instrumentenwechsel zu überspielen, aber zu überspielen gabs da gar nichts. björn erzählte, dass er früher oft mit großen augen die bands auf der bühne des atomic angesehen hätte, und nun sei es eine besondere erfahrung, dass er selber mit großen augen angeschaut werde – das letzte war augenzwinkernd (sic!) gedacht, aber es entsprach durchaus der wahrheit: das publikum lauschte gern, hing an seinen lippen. am ende gab die band die eingeforderten zugaben, aber dann sagte björn, man solle auch nicht ausufern lassen: immerhin sei sonntag, und am nächsten tag müssten einige doch sicher in die uni oder zur arbeit. in einem anderen zusammenhang wäre das ein münchen-gehässiger kommentar gewesen, immerhin war es noch vor mitternacht, aber in der gelösten locas-stimmung wirkte es einfach nur freundlich und rücksichtsvoll.

hinterher durfte ich sogar den in einigen songs erwähnten martin kennenlernen (der wohl gar nicht aus dem gefängnis kam, wie in einem song angegeben, sondern aus der uni, aber das hört sich eben lange nicht so spannend an). ein schönes konzert, aber um so schöner ist, dass locas in love am freitag auch in berlin auftreten, raw-tempel, mit musikalischer unterstützung der halb zur band gehörenden berliner streichersektion, die auch die songs auf der neuen ep „winter“ angereichert hat. – also noch ein vor-weihnachtsgeschenk. danke schon jetzt. hoffentlich wirds mindestens genauso plauderesk.

link: locas in love.

sms-notruf für gehörlose

das ging gestern durch die agenturen und wurde heute auch in einigen zeitungen erwähnt: die berliner polizei richtet „im probelauf“ einen sms-notruf für gehörlose ein. bisher gab es diesen „service“ nur per fax. so ähnlich bleibt es auch, weil die notruf-sms „in einem neuen technischen verfahren“ in ein fax umgewandelt wird, bevor sie bei der polizei ankommt. die nummer ist (030) 446486418, davor kommt noch eine netzkennung, die sich von anbieter zu anbieter unterscheidet: 99 für t-online/vodafone, 329 für o2, 1551 für e-plus.

also, falls jemand dann von e-plus einen notruf losschicken möchte, geht das ganz einfach an 1151030446486418. eine sms kostet zwischen 65 cent und einem euro.
es gab noch keine hinweise darauf, dass das nur ein mieser scherz ist.

anmerkungen zu berlin

die spree stinkt und trägt schaum.
dass der palast der republik weg ist, ist erstmal seltsam.
andererseits ist es nicht so, als würde ohne palast der republik etwas fehlen.
es ist auch nicht so, als müsste da unbedingt so ein schloss-trumm hin.

whats new whats berlin #1

die friedrichstraße war schon im südlichen teil ziemlich grausig: eng, laut, hetzig, immer für einen unfall gut. auf einmal sind aber auch im nördlichen teil, d.h. nördlich von unter den linden, alle lücken geschlossen. der kleine park vor dem s-bahnhof ist ja schon länger hotel und geschäftshaus. doch nun ist auch die ecke friedrichstr./unter den linden zugebaut, so nah an die straße ran wie es nur geht, sogar der fußweg ist überbaut. straßenschluchten wie sonst nirgends in berlin. und weiter oben, am ufer zur spree, schlängelt sich ein graues beton-etwas vor dem tränenpalast, noch ein hotel, noch ein zubauendes stück scheusslichkeit. wenn man sich erinnert, wie offen und einladend das ganze noch vor wenigen jahren war, ist das ganz schön bitter. keine offenen plätze, kein grün mehr. d. i. b.

dit is berlin: scott matthew im haus ungarn

mir ist gestern mal wieder aufgefallen, weshalb es so viele berlin-fans gibt, weshalb diese stadt junge kreative menschen so magisch anzieht. das beispiel ist das haus ungarn, das noch das ungarische kulturzentrum war, als ich vor knapp anderthalb jahren aus berlin wegging. leichter ost-chique direkt am fernsehturm. in der zwischenzeit jedoch hat sich der ungarische kulturverein ein modernes kubushaus mit schießschartenfenstern hinter humboldt-universität und gorkij-theater gewürfelt; und durch die ehemals ehrwürdigen räume von sekt- oder tokajer-empfängen im haus ungarn schluffen jetzt young urban creatives – ein kunstkollektiv mit ausgeprägtem partycharakter ist eingezogen. ehemalige büros wurden zu installationsräumen, mit fernseher, farbe auf boden und wänden und lebendigen heuschrecken (die maus, die mal teil einer kunstinstallation war, wurde bereits von tierschützer_innen befreit). der teppich hat ein paar brandlöcher, ein paar lampen sind kaputt, aber die großzügigkeit der räume und die breite fensterfront zum fernsehturm tragen immer noch die eleganz vergangener tage, und gemischt mit dem kunst-fuck-off-trash-appeal der bilder, installationen und anwesenden ergibt das ein großes, ungeschriebenes: „dit is berlin“.

als wiedergänger der anwesenden steht irgendwann der australo-new yorker scott matthew auf der bühne, mit schmuck um den hals, hippie-klamotten und einem schwarzen rauschebart. er singt herzzerreissend und dramatisch: melancholie an der grenze zu kitsch, deren überschreiten aber auch durch seine lustigen zwischenansagen verhindert wird – er aalt sich eben nicht in selbstmitleid, sondern sagt mal mit verstellter stimme „thank you“ und macht dann witzchen über seinen song „for dick“, ob das jetzt „für richard“ bedeutet oder nicht. ein konzert voller trauriger songs bedeutet eben nicht, dass man hinterher deprimiert nach hause gehen muss. großartiger ort, großartige musik – d. i. b.