Archiv für Juni 2008

nervt: fußballnationalismus

ich wohne ja direkt an einem park, und das fast mitten in der stadt, ein ungewöhnlicher luxus, den ich viel zu selten zu schätzen weiss. aber an diesen tagen ist es egal, ob das hier innenstadt oder fast-nymphenburg ist: dank public viewing nebenan im backstage oder in den umliegenden biergärten flippt draussen alles aus, wenn die deutschen rumpelfußballer wieder ein spiel gewonnen haben. ich habs ja auch geguckt, per beamer, habe mitgefiebert, zugegebenermaßen auf der deutschen seite: ok, so isses, die mannschaft kenne ich am besten, atze friedrich isn juter tühp und simon rolfes auch, und der lahm is sowieso total in ordnung, sagt oft ganz schlaue dinge, und schweini und poldi sind so blöd, dass es schon wieder lustig ist. aber als das spiel dann vorbei war und „deutschland, deutschland, deutschland“ grölende idioten am haus vorbeizogen, nationalhymne sangen, hupend rumfuhren und sich als deutsche ganz ganz glücklich fühlten – da war wieder diese abneigung da gegen alle, die den fußball als fuhrwerk benutzen, als deutsche „stolz“ sein zu dürfen, fahnen zu schwingen und hymnen zu schmettern – wenn man pech hat, ist es halt nicht die dritte, sondern die erste strophe, oder gleich das horst-wessel-lied – wie neulich eine bekannte in der s-bahn nach spandau miterleben musste. wenn das so ist und nicht anders geht: vorrundenaus. nächstes mal vielleicht. in zwei jahren.

deutsche Street Art in Hamburg – photo: p. albert e.

bandnamen

kommt mir bekannt vor: wenn bands sich nach berühmten leuten nennen…

street art

männchen für münchen

spaß mit radio

linkablage: www.radiopannen.de

undertube #56

Undertube #56 // München // Portmanteau

nazis in münchen

nur eine handvoll nazis, die halbwegs verloren neben einer bushaltestelle herumstehen, dafür bewacht und abgeschirmt von zwei reihen polizei, einer reihe wannen und noch einer reihe polizei. auf der anderen seite ungefähr zwei- oder dreimal so viele linke. ein altes spiel irgendwie, sich (trotz presseausweis) von der polizei wegräumen lassen, wut über nazis, freude über lustige gegendemonstrant_innen… und die erkenntnis: ja, es gibt hier nazis. und sie orientieren sich modemäßig immer krasser an der linken – schaut euch die banner an. aber immerhin: viele warens nicht. und den lauti hat man auch nicht gut verstanden.

Ergänzung: genauerer Bericht bei luzi-m.



oben: nazis mit transpis, die aussehen wie von der antifa.
unten: polizeikordon und dahinter (bzw. weiter rechts) gegendemonstrant_innen.

Kein Spaß mehr.

Donnerstag – Das macht eigentlich keinen Spaß mehr.


Höhepunkt unseres Kurses ist der Donnerstag, die gespielte Entführung. Der Grusel erreicht seinen Höhepunkt. Im Szenario (Entführung) und vor der Bundeswehr auch. Ich kann es ja trennen, es ist ein Training, ein Spiel, mein Leben ist nicht wirklich gefährdet. Aber angeschrieen werde ich trotzdem und gezwungen, mit verbundenen Augen im Zimmer zu knien, stundenlang, dazu mongolischer Kehlkopfgesang aus der Konserve. Klar, eine Simulation. Aber Abends sitze ich beim Entspannungsdinner zwei Stühle von dem Feldwebel entfernt, der mich verhört hat, und ich kann nicht anders als ihn hassen. Irgendwie liegt für mich staatliche Übergriffigkeit wie in Guantanamo oder Genua auch näher als die Entführung in irgendwelchen Krisengebieten. Dafür war es eine realistische Erfahrung, würde ich fast sagen.

Das Dinner führt noch mal vor Augen, wie weit entfernt die Lebensrealität der Bundeswehr von meiner ist, wie verschieden da zwei Welten sind. Ich bin ja für so ernährungstechnisch schwieriges Pflaster wieder zum Vegetarier mutiert, vegan also nicht ganz zwingend, und das Unteroffiziersheim zeigt, was bei vegan rauskommt: Als einziges Essen ohne Fleisch und Tierprodukte fällt denen Spaghetti mit Ketchup ein.
Für zusätzliche Belustigung unter den Bundeswehrangehörigen sorgt, dass wir abends immer Bier getrunken haben und die Flaschen gut sichtbar im Fenster neben dem Eingang zu unserem Quartier aufgestellt haben. Ein Feldwebel droht damit, all die Pfandflaschen abzugeben und das Pfandgeld zu kassieren, wenn wir das nicht selber machen.
Auch noch ein Thema: Bundeswehr-Humor. Schon erwähnt habe ich Videoclips und Cartoonwitzchen, die die Vorträge aufpeppen sollen. Den Vogel schießt dann ein Cartoon von dem für uns hauptzuständigen Major ab, der nach der Entführung noch etwas über Stress referiert und dann folgenden Bilderwitz an die Wand wirft: „Der Stress hat für Adam erst begonnen, als er bemerkte, dass er nicht allein im Paradies ist.“ Wir: Stille. Der Major: „Gemeint ist die Schlange!“ Wir: Stille. Der Major: „Nun lachen Sie doch mal!“ Wir: Naja.
Am meisten stressabbauend wirkt dann die Flasche Wodka, die ein an dieser Stelle anonym bleibender Kollege organisiert und vor dem Hörsaalgebäude deponiert hat. Plastikbecher mit 101 Dalmatinern drauf. Danke.

Mehr Infos zu diesem Bild in Tills Metauniverse (nicht direkt, aber fast)…
– und auch Kollege Kotowski hat gebloggt..

action

Mittwoch – Action

Vormittags Spreng- und Schießvorführung, erst aus der Ferne, dann von Nahem. Wieder kriege ich die Erkenntnis, wie krass das ganze ist. 30m in einem Schützengraben von einer 5-Kilo-Bombe entfernt, wummt es trotz Ohrenstöpsel ganz gewaltig, und die Druckwelle geht durch den ganzen Körper. Nicht schön. Wichtig: Mund auflassen, ist sonst schlecht für die Lunge. Dann Schießvorführung von Soldaten, diverse Gewehrmodelle, Maschinenpistole, Scharfschützen. Es gibt zwei Knalls: den vom Abschuss und den von der fliegenden Patrone. Und die schießen wirklich weit.
Nachmittags Action: Das Planspiel Rhönland, von dem wir Teil sind, wird fortgesetzt, wir sollen in zwei Gruppen auf dem Übungsgelände von A nach B und geraten in Straßensperren, erst eine halblegale der Nordrhönländischen Armee, dann eine illegale von irgendwem. Bei der halblegalen sind wir schon fast durch, da passiert ein Zwischenfall, ein Auto kommt vorbei, irgendwer schießt, eine Granate fliegt, wir ducken uns. Und dürfen dann Erste Hilfe machen. Bei einem wurde das Bein abgerissen, es liegt ein paar Meter entfernt. Aus Plastik. Dann fängt es an zu schütten, wir retten uns unter ein Zeltdach. Dann zurück, zur illegalen Sperre. Wir werden aus dem Auto gezerrt und müssen uns in den Matsch knien, Entführer-Darsteller hinter uns mackern rum. Es ist schwer, ihr Englisch zu verstehen, weil sich „Hands up!“ und „Head down!“ ganz ähnlich anhören. Dritter Befehl ist „Don’t Smile!“, was auf uns seltsam wirkt, aber verständlich ist, weil in der Gruppe vorher zwei Leute in lautes Lachen ausgebrochen waren, als die Entführer 8000 Dollar verlangten, die Gruppe nur 200 Euro hatte, aber einer darauf hinwies: „But it’s Euro!“
Im Matsch knien ist nicht nett. Morgen wirds noch krasser: simulierte Entführung.

Vorher entspannen.

Minen? Wir treten drauf.

Dienstag – Minen? Wir treten drauf

Gestern das Minen-Haus, heute draußen. Was gestern noch an Glauben an das Gute im Menschen da war, ist nun total weg. Wir bekommen zahlreiche Minen vorgestellt, die z.B. in Afghanistan und auf dem Balkan in der Gegend herumliegen: Gut versteckt, im Boden und unter Gras fast unsichtbar, mit Drähten, die auf Druck oder Zug oder Loslassen reagieren, perfide bis an die Grenzen der Vorstellungskraft. Hauptziel Verstümmelung, weil das demoralisiert und Kräfte bindet. Und: Minen richten sich zu großen Teilen gegen die Zivilbevölkerung, die Entsorgung ist teuer und gefährlich, die Herstellung billig, die Aufstellung fix. Schlimm. Von 18 versteckten Minen entdecke ich höchstens ein Drittel. Wieder mehrere Male potenziell tot. Am Nachmittag Pfadfinder-Entspannung bei einer Orientierungsübung mit Kompass und Karte, abends erzählt ein Bundeswehr-Psychologe etwas über Stress. Wie alle Bundeswehr-Dozenten arbeitet er (quasi hochgerüstet) mit Powerpoint und hat kleine Youtube-Videos oder Cartoons in seine Präsentation eingebunden. Hinterher wieder Bier, bei uns im Haus wohnen auch ein paar Soldaten bzw. Offiziere, die einen Englisch-Lehrgang machen (englische Militärabkürzungen). Die meisten machen nervige sexistische Sprüche, zwei sind nett und bleiben am Ende übrig, erzählen aus Afghanistan und von ihrem Bundeswehr-Verständnis. Bei jeder Kugel, die in Afghanistan von der Bundeswehr abgefeuert wird, gibt es eine zweiwöchige Untersuchung, warum sie abgefeuert werden musste. Und die Bundeswehr agiert dort nach deutschem Recht und deutschen Richtlinien: Wenn ein Fahrzeug in Deutschland keine Zulassung mehr bekommen würde, darf es (in Bundeswehr-Auftrag) auch in Afghanistan nicht mehr fahren. Das klingt logisch, von uns aus gesehen, aber dort schütteln die Leute nur die Köpfe darüber, weil es Abgasrichtlinien oder so etwas gar nicht erst gibt. In ihrem Kontext auch zu Recht.

Mehrmals tot

Montag

„Wie, Ihr werft mit Minen?“ fragen die Bundeswehrsoldaten, die mit uns im gleichen Haus wohnen. „Nee, wir treten drauf“, antworten wir. Das machen wir. Morgen jedenfalls.
Heute wurde ich schon mehrere Male erschossen. Auf dem Weg durch das Dörfchen Bonnland, auf einem vermeintlich sicheren Weg, empfohlen vom imaginären Bürgermeister. Zuerst ein Heckenschütze von der Seite. Wir werfen uns hinter eine Mauer, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das zu spät war. Ein paar Minuten später wirft jemand eine blaue Übungsgranate, die nicht detoniert. Aber ich wäre hin gewesen, weil ich die Niederwerftechnik mit gekreuzten Füßen zur Explosion und offenem Mund (wegen Druck in der Lunge) nicht beherrschte. Und dann Maschinengewehrfeuer aus einem vorbeifahrenden Jeep. Jaja, gefährlich isses in den Krisengebieten, wenn die Bundeswehr ein Rollenspiel organisiert. Dank Platzpatronen habe ich jedoch nur gerissene Hosen und ein aufgeschürftes Knie.
Wenig später Besichtigung des Beschussgartens und eines Minenhauses. Im Beschussgarten lerne ich, dass alle möglichen Materialien keinen Schutz bei Gewehrbeschuss bieten. Bäume nicht, Metallplatten nicht, die meisten Häuserwände auch nicht. Sandsäcke schon, erstaunlicherweise. Dann das total verminte Haus: Perfide Konstruktionen Marke Eigenbau, die nur zum Ziel haben, Leute umzubringen. Leute, die auf einen Teppich treten, eine Tür öffnen, ein Bild geradehängen, sich auf einen Sessel setzen, eine Landkarte vom Tisch nehmen. Till Krause sagt hinterher, dass er den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat. Ich gebe ihm Recht und frage mich, was ich in einem Krisengebiet eigentlich wollen könnte, wo die Leute nur auf mich schießen, wenn ich herumlaufe, und mich in die Luft sprengen, wenn ich mich auf eine Couch setze. Noch dazu als neutraler Beobachter bzw. Berichterstatter, der nicht mal zurückschießen darf.
Ha, Knackpunkt hier, bin ich schon embedded gebrainwashed? Gestern noch fröhliches Geläster über die Bundeswehr an sich und blöde Abkürzungen und Mechanismen. Und heute wünsche ich mir selber eine Waffe? So schnell kanns gehen. Am Ende gilt wahrscheinlich die Bundeswehr als „die Guten“, die redlicher Arbeit nachgehen und mir im Ausland zur Seite stehen, weil ich auch „Deutscher“ bin und von unter Generalverdacht stehenden Kosovaren oder Afghanen bedroht werde. Naja, we‘ll see.

Bildunterschrift: Verbotenes Fotografieren zwei: Der elektronische Sandkasten, angeblich ein adäquates Mittel zur Gefechtsvorbereitung, lädt aber erst mal zu blöden Kommentaren ein.